Fernsehen

Von Hilde Nockers augenzwinkerndem Charme überrumpelt, hielt ich den als erstes Originalfernsehspiel von Heinrich Böll angekündigten Schwank Dr. Murkes gesammelte Nachrufe auch dann noch für ein Originalfernsehspiel Heinrich Bölls, als mich der Untertitel (Drehbuch: Dieter Hildebrandt und Horst Hädrich) hätte stutzig machen müssen. Aber da war es schon zu spät, um auf den Schaltknopf zu drücken, das Schicksal nahm seinen Lauf, der Leidenskelch wollte geleert sein.

Grimmige Kalauer, bärtige Witze und Biertischulke jagten einander; Süsterhenn erschien als Lüsterhahn und brach eine Lanze für die schneeweiße Leinwand; Guttenberg, man nahm Heinrich Koch, weil der ja auch ein Menjou-Bärtchen hat, grad wie der richtige Baron, hieß Guttapercha; Gerstenmaier ließ sich, als Gürstenmaier, zwei Kissen unter den Allerwertesten legen, weil er so klein und schwäbisch war; Charles Regnier mußte einem spärlich bekleideten Mädchen nachschauen und Abfälliges über die Oppenheimer-Aufführung äußern; die Geschwister Jacob spielten Klein-Pfleghar, und dann wurden auch noch Witze gemacht, Witze wie der folgende. Garderobier zum Schauspieler: Tragen Sie einen Scheitel? Schauspieler zum Garderobier: Nein, lieber ohne. Garderobier zum Schauspieler: Also oben ohne.

Ja, das war spaßig, und da Zwischendurch auch noch eine Prise Zeitkritik ausgeteilt wurde, jüngste Vergangenheit und Auschwitz, Burschenschaft und Hitlerjungs, durfte man, ohne frivol zu sein, unbeschwert lachen ... und dies um so mehr, als sich das Fernsehen selbst in humorvoller Weise glossierte: Eine Sonntagssendung Blick in die Küche mit fünf Köchen aus sechs Ländern – nun, das muß einem einfallen.

Wozu viele Worte verlieren? Es stimmte nichts in diesem Stück, sogar die technischen Details waren falsch, im Fernseh-Studio schnitt man nach munterer Hörfunkmethode, und was die Worte gestorben und noch’n Tüll angeht, so reichten sie allein nicht aus, um Atmosphäre und Lokalkolorit vorzutäuschen.

Heinrich Böll hatte eine gute Idee; sein Einfall, die Nachruf-Praktiken unserer Meinungsbildner, das Stapeln von ständig zu erneuernden Viten prominenter Erdenbewohner kritisch zu analysieren und die Lebenslaufmanipulationen, gestern strammer Nazi, heute konvertiert, damals braun und itzo schwarz, zum Gegenstand einer Satire zu machen ... dieser Einfall hätte eine Geschichte getragen. Auch ein Fernsehspiel, nach einer Idee von, wäre unter günstigen Zeichen, mit einem Hildebrandt in Improvisationslaune, möglich gewesen. Heinrich Böll aber hat. seinen Namen unter einen Blankoscheck gesetzt, und das ist ihm teuer zu stehen gekommen. Wer kann schon erkennen, was von Böll und was von Hildebrandt und Hädrich ist? Wer wird den Unsinn gewahr, der darin liegt, daß man zugleich ein Originalfernsehspiel und ein Originaldrehbuch anbietet?

Ja, nun steht Böll als Witzchenmacher da, als schlechter Kabarettist, als Langweiler und Gähnenbold, als Epigone der großen Lisette Mullère... und ich fürchte, das ist seine Schuld. Er hätte sich auf die Kompromißlösung mit dem Drehbuch nicht einlassen dürfen – und was die Idee betrifft, so erzählte mir einmal Milo Dor, wie er einst in Wien (keinen Kreuzer mehr in der Tasche) auf den Tod eines Mannes namens André Gide gehofft hätte, der damals im Sterben lag und über den bei der Wiener Presse das pro memoria jenes Milo Dor vorlag, der sich ob seiner Schnödigkeit verfluchte ... und doch ein warmes Abendessen und ein Bett in der Nacht haben wollte.

Diese Geschichte, soviel steht fest, werde ich nicht so schnell wie den show-Schwank von Murke vergessen. Ein Jammer, wahrlich, daß Böll es schwerer als das Funkhaus hat, von dem es hieß, es möchte gern ungenannt bleiben. Momos