Raphael Lenné: Charles de Gaulle, der Erleuchtete; Rütten und Loening Verlag, München; 271 Seiten, 22,80 DM.

Der Titel des Buches führt unbefangene Leser in die Irre. Er zeigt, daß der Autor offenbar gallischer Muttersprache ist, auch wenn er sein Buch auf deutsch verfaßt hat. Das Wort „der Erleuchtete“ birgt für ihn keinerlei Bewunderung in sich, sondern nähert sich eher dem populären Gebrauch des französischen „l’Illuminé“: der Phantast, der krankhafte Seher von Zeichen und Wundern. Damit ist schon über die Sicht, aus der Lenné de Gaulle betrachtet, alles gesagt: Das Leben des Generals und Staatspräsidenten ist für den Autor eine „Fata Morgana des Erfolgs“, ein Trugbild der Geschichte. De Gaulle wird als „neuer Flötenspieler von Hameln“ hingestellt, als „zweitbester Massenhypnotiseur des 20. Jahrhunderts“, dessen „Geltungssucht Haupttriebfeder seines Handelns ist“, dessen „Kraft weniger im Positiven des Genialen, als in der Krankhaftigkeit des Hochbegabten“ liegt. Lenné läßt es sich auf 271 Seiten angelegen sein, den General zu entmystifizieren. Er zertrümmert systematisch (und nicht zu Unrecht) die Legende vom siegreichen triumphierenden de Gaulle in der Schlacht von Montcornet und Laon (Mai 1940); er stellt die verniedlichenden oder gloriosen gaullistischen Darstellungen des 17. Juni 1940 richtig und meint, daß damals weniger ein kühn entschlossener, kühl rechnender als vielmehr ein mutloser, ängstlicher und unsicherer de Gaulle sich nach London absetzte. Lenné bezeichnet schließlich unumwunden gewisse Pläne des Generals und damaligen Unterstaatssekretärs, nach der Niederlage Frankreichs 500 000 bis 900 000 Mann nach Nordafrika zu verfrachten, als unrealistischen Unsinn. Das von de Gaulle erzwungene syrische Abenteuer von 1941 und sein Nachspiel sind schließlich für den Verfasser des „Erleuchteten“ bloß Zeichen der „politischen Dummheit“ und „Unreife“.

Solche Zertrümmerung gaullistischer Legenden bedeutet a priori kein Verbrechen. Im Gegenteil – sie mußte und durfte in aller Objektivität einmal gewagt werden. Die hypnotische Erstarrung, in der weite Kreise Europas immer noch kritiklos-bewundernd auf den göttergleichen Herrscher im Elysée blicken, hat etwas Ungesundes und Gefährliches an sich. Sie muß einmal gebrochen werden, und jeder Beitrag zu dieser Entmystifizierung scheint grundsätzlich willkommen. Es fragt sich nur, wie berufen der Geist sich gibt, der diesen Beitrag leistet. Der neunundvierzigjährige Lenné, in Lüttich gebo-en, ist Arzt und nicht Historiker. Seine geschichtliche Analyse des Phänomens de Gaulle (die sich hauptsächlich auf die Zeit bis 1946 erstreckt) hat denn auch stellenweise etwas Fragmentarisches und darum Apodiktisches an sich: Sie scheint hier und dort ungenügend untermauert. Bloß Fabre-Luce oder Benoist-Méchin als Kronzeugen für den Gaullismus zitiert zu sehen, genügt einem kritischen Leser nicht. Es gibt in der reichen de-Gaulle-Literatur bessere und objektivere Referenzen. So fallen denn auch in Lennés Buch unkontrollierte und unkontrollierbare Seitenhiebe: „Dieu ne peux, de Gaulle suis (Ich kann nicht Gott sein, also bin ich de Gaulle)“ sei, so heißt es auf Seite 249, „die augenblickliche Devise“ des Generals. Das klingt zwar sehr gescheit und amüsant, aber nichts belegt, daß de Gaulle sich selbst eine solche Losung zugeeignet hat (und wer wüßte denn schon zu ergründen, welche Leitworte der französische Staatschef sich überhaupt „augenblicklich“ gerade gibt?...). Der Ausspruch scheint eher dem in voller Narrenfreiheit schreibenden „Canard enchaîné“ denn einer seriösen Studie, entliehen. An anderer Stelle (Seite 126) werden die Waffenstillsandsbedingungen vom Juni 1940 kurzerhand als „annehmbar“ bezeichnet, um de Gaulles Unternehmen des „Freien Frankreich“ als überflüssig hinzustellen. „Frankreich war nicht zerbrochen“, erklärt Lenné und übersieht geflissentlich, daß gerade die Teilung des Landes in eine besetzte und eine unbesetzte Zone die ganze Perfidie der Hitlerschen Politik gegenüber dem besiegten Nachbarn in sich barg ...

Nun will Lenné allerdings laut Vorwort bewußt „nicht als Historiker des damaligen politischen und militärischen Geschehens fungieren“. Als Arzt möchte er sich auf die psychologische Analyse beschränken, kann jedoch sein Vorhaben nicht immer ausführen. Zwangsläufig gleitet er in den geschichtlichen Essay ab. Aber wie steht es um die psychologische Analyse? Hier fällt im „Erleuchteten“ die Kritik an de Gaulle noch beißender aus: Lenné reiht den Generals-Präsidenten in die Kategorie der „Aufrührer wie Savonarola, Hitler und Lumumba“ ein, die „auf Grund ihres pathologischen Charakters in kranken Zeiten hochkamen“. De Gaulle als Aufrührer ist ein „Katalysator“: „Seine Leistung liegt nicht im eigentlich genialen Bereich, sondern im Ausnutzen der Gunst der Stunde; sein Aufstieg ist der für Aufrührer typische: unorthodox, kometenhaft, in unruhigen Zeiten. Auch er war vor dem Krieg ein Unbeachteter, auch er wurde durch das Abnorme der Katastrophe aus völlig irrationellen Gründen zum Führer bestimmt, einfach weil in solchen Jahren andere Gesetze gelten als diejenigen von Vernunft, weil der Krieg kaum sein könnte ohne die Massenhysterie und die subjektive Verfärbung des Urteils – psychiatrisch ausgedrückt, ohne die Möglichkeit einer paranoiden Induktion im großen.“

Damit ist das Wort gefallen: paranoid. Ist de Gaulle für Lenné ein Paranoiker? Der Verfasser treibt hier mit dem Leser ein nicht ganz ehrliches Versteckspiel. Auf zwei Seiten zitiert er die Definition der Paranoia, wie sie im französischen Lehrbuch der Heerespsychiatrie enthalten ist, und fügt bei: „So gut wie jede Zeile der Beschreibung trifft auf ihn (de Gaulle) zu ...“ Aber dann kommt der Rückzieher und gleich darauf ein Gegenrückzieher, weil der Verfasser offenbar vor seinem eigenen Mut Angst bekam: „Dies gibt uns noch lange nicht das Recht, auf Paranoia zu schließen“, heißt es auf Seite 241. Doch auf Seite 243 steht dann: „Damit tritt die Klassifizierung seiner Persönlichkeit: schizoid, psychopathischer Querulant mit paranoiden Zügen (lauter Bezeichnungen, die nichts Beleidigendes für ihn enthalten, da er sich damit in bester Gesellschaft befindet) in das für ihn Charakteristische: seine Neurose.“ Also: Paranoiker – nein? Neurotiker – ja? Ganz klar wird das nicht. „Die paranoiden Züge scheinen seine Persönlichkeit weniger zu prägen als die Neurose“, schreibt Lenné und geht dann auf diesen krankhaften Zustand näher ein: „Es gehört zu jeder Betrachtung einer Neurose, das Ausmaß der Retardierung abzuschätzen. Nach allem Dargestellten scheinen viele seiner (de Gaulles) Eigenschaften auf das Trotzalter hinzudeuten. Kind ist er: die naive Frankreich-Anbetung, die Subjektivierung und außerordentlich primitive, ichbezogene Vereinfachung aller Begriffe.“ Daran knüpft der Verfasser eine sehr kühne Folgerung: „Wer weiß, ob seine Panzertheorien letzten Endes nicht einem frustanen Wunsch nach Bleisoldaten entspringen...?“

Geht das nicht zu weit? Und durfte diese Analyse überhaupt, durfte sie heute und heute schon gewagt werden? Grundsätzlich sollte dem Experiment nichts im Wege stehen; zur Entmystifizierung des Gaullismus gehört früher oder später auch eine psychologische Zergliederung des Phänomens de Gaulle. Doch wiederum stellt sich die Frage, in welchem Maße der Autor berufen ist, die heikle und kritische Aufgabe anzupacken. Nur ein völlig unverpflichteter und nicht engagierter Geist kann es sich leisten, auf so weittragende und schwerwiegende Weise über einen zeitgenössischen Staatsmann zu richten (denn in der Analyse liegt zwangsläufig in diesem Falle Gericht und Verdammung). Ausgerechnet Lenné ist nicht unverpflichtet und muß als engagiert gelten: Er war „im Kriege Kollaborateur naividealistischer Prägung“, gibt er in seinem Vorwort zu und fügt bei: „Das Problem der kollektiven und meiner persönlichen Schuld habe ich seitdem mit mir herumgetragen.“ Solche Offenheit ehrt den Autor, macht aber sein Unterfangen fragwürdig: Seine Vergangenheit trübt hie und da seinen Sinn für die gerechte Verteilung der Gewichte (Pétain erscheint auf Schritt und Tritt als „das Makellosteste, was Frankreich zu bieten hatte“, de Gaulle ist der Nur-Krankhafte). Lennes politisches Engagement wird ihm den Vorwurf eintragen, nicht eine Analyse, sondern ein Pamphlet geschrieben zu haben. Und gerade das dürfte, gerade das sollte bei einem solchen Buch nicht sein. H. O. Staub