l n Deutschland löst die Begegnung mit dem französischen Roman der Gegenwart, den man unter dem Stichwort nouveau roman zusammenfaßt, verschiedenartige Reaktionen aus. Die einen finden ihn schlicht langweilig, weil er der Reportage von äußeren Ereignissen ermangelt; die anderen nehmen an ihm ein mehr oder weniger exotisches Interesse, sehen in ihm eine Art seltsamer Treibhauspflanze; schließlich gibt es jene, bei denen er Betroffenheit auslöst, eine Art Schock, der sich mit der Erkenntnis verbindet, daß man m Paris ein sozialkritisches Bewußtsein und eine Technik des Schreibens entwickelt hat, demgegenüber manches an der deutschen Nachkriegsliteratür ein wenig provinziell anmutet, obgleich wir nicht weniger beachtliche, ja, in einiger Hinsicht sogar originellere Talente auf zuweisen haben.

Die Ursache dafür ist einfach in der jahrhundertelangen Konzentrierung des intellektuellen Lebens in Paris zu suchen, wo sich Geister aus allen Ländern sammeln, einander beeinflussen und das soziale und literarische Bewußtsein unerbittlich vorantreiben, während in Deutschland ein jeder in splendid Isolation vor sich hindenkt und schreibt. Es gibt hier nur wenige Orte der gegenseitigen AuseinandersetzungundBegegnung, und an diesen wird oft mehr handgreiflichen Interessen als geistigen Problemen gehuldigt. Wir haben keine Metropole. Dafür haben wir die Frankfurter Buchmesse.

Der Schock, der der deutschen Literatur durch den nou ve0 ii roman beigebracht worden ist, scheint beträchtlich. Abgesehen von einigen kleinen blinden Nachahmern der Franzosen haben wir kaum eine wirkliche Verbindung zum nouveau roman. Im Augenblick noch wird den Kritikern und Essayisten das Feld überlassen. Sie sind weniger befangen, weniger durch eigene Ambitionen gehindert, sich der fremden Materie zu überantworten.

So ist das Erscheinen dreier Bücher zu begrüßen, die sich, teils von der französischen, teils von der deutschen Warte aus, mit der modernen französischen Literatur auseinandersetzen — Maurice Nadeau: "Protees" — Der französische Roman seit dem Kriege, aus dem Französischen von Walter Heist und Gisela Goymann; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 308 S, Paperback, 17 50 DM Gerda Zeltner Neukonim: "Die eigenmächtige Sprache" — Zur Poetik des Nouveau Roman; Walter Verlag OltenFreiburg; 135 S, brosch. Alain Robbe Grillet: "Argumente für einen neuen Roman", aus dem Französischen von Marie Simone Morel A Helmut Scheffel Werner Spies Elmar Tophoven; Carl Hanser Verlag, München; 124 S, 5 80 DM. Maurice Nadeau, seit 1953 Herausgeber der Lettres Nouvelles, ist einer der bekanntesten Kritiker und Essayisten Frankreichs. Er kann als einer der besten Kenner des Neuen Romans gelten, den er selber mit etablieren half und den er in glänzenden Essays analysierte < m Wer dies weiß, wird sich ein wenig enttäuscht finden durchwein wohlelegant geschriebenes Buch, dessen Kurzessays über die einzelnen Autoren aber mehr Lexikonsartikeln ohne Leidenschaft gleichen und dem deutschen Leser mehr äußerliche als intensive Kenntnisse vermitteln. Man lernt eine Reihe von Namen kennen, von deren Existenz man nichts wußte, man erfährt recht viel Allgemeines über die bekannten Autoren, über die man, aus Nadeaus berufener Feder, bereits viel Interessanteres gelesen hat. Das Buch dient mehr der Bestandsaufnahme dessen, was es in Frankreich gibt. Und seine Bedeutung ist vor allem, in seiner breiten Obersicht und in seinem dokumentarischen Anhang zu suchen, der ausgezeichnet ausgewählte programmatische Essays der einzelnen Autoren bringt. Sie bereichern das Panorama gerade um jene Aspekte, auf die Nadeau selber verzichtet hat. Von Interesse scheinen mir die allgemeinen Überblicke über die einzelnen Strömungen und Richtungen und Nadeaus Diagnosen der sozialen und politischen Situation sowie der Reaktionen der Literatur darauf. Die Bemerkung etwa, daß sich die Kriegsgeneration mit St. Exupery, Rousset, Atelene, Cavrol und anderen in der Bewältigung des Kriegserlebnisses mehr in der blanken Reportage und den Dokumentarischen erschöpfte und daß es ihr verwehrt war, sich einer Weiterentwicklung der Romantechnik zuzuwenden. Selbst Sartre und Camus, meint Nadeau, wogen ihr aktuelles politisches Engagement mit konventioneller Schreibtechnik und — endlich Camus — mit regressiver Bewußtseinslage auf. Nadeaus Urteil: "Er predigte, schwierig genug, die Anpassung. Die mittelmeerische Weisheit scheint nicht das Format zu besitzen, die Probleme der Menschheit von heute, an der Schwelle des Atomzeitalters, zu lösen. Die Auflehnung gegen die Geschichte, die Flucht zu den zwar biederen, aber doch recht verbrauchten Werten glich mehr einer Abdankung als einem Weckruf Um so bedeutsamer erscheint Nadeau die Hinwendung des späteren Camus und des späteren Sartre zu den Problemen des modernen Schreibens, die sich bei Sartre schon früh in seinen Essays ankündigte und die in seinem letzten Buch, das charakteristischerweise "Die Wörter" heißt, reflektiert wird. Nadeau schreibt die breite und glänzende Neuentwicklung des französischen Romans gerade der politschen Beruhigung und der fehlenden ideologischen Alternative zu "Niemand hat wie der Franzose von heute das Gefühl, daß sein eigenes Schicksal ihm entgleitet. Er sieht eine Industriegesellschaft entstehen, deren Gepräge sich im Osten wie im Westen durchsetzt und die in großem Umfang die materiellen Ansprüche des einzelnen befriedigt. Er fühlt sich ihr in keiner Weise verbunden. Seine demokratischen Ideale sind in die Hände von geschäftstüchtigen Politikern geraten Sein Traum von einer freien und gerechten Gesellschaft, deren Realität er in den Ländern des Ostens begegnet, ist ausgeträumt. Keine andere Zukunft sieht er vor sich als ein vorsintflutliches Europa, der Vaterländer, keine Aussicht auf einen Aufschwung Ohnmächtig schaut er unterdessen der Geschichte zu, die sich fern von ihm vollzieht und ihn trotz der launischen Gesten seines Souveräns ins Schlepptaunimmt " Welche Auswirkung dies auf die Literatur gehabt hat, erfährt man in Gerda Zeltner Neukomms Untersuchung über die "eigenmächtige Sprache"; sie bildet somit eine wichtige Ergänzung zu Nadeaus Panorama. Der nouveau roman aber ist gerade im Detail interessant, und nur die akribische Beschäftigung mit ihm kann seine Charakteristika zutage fördern.

Gerda Zelmer Neukomm gilt im deutschen Sprachbereich zu Recht als Sachverständige für den nouveau roman. In ihrem in der RowohltEnzyklopädie erschienenen Bändchen "Das Wagnis des französischen Gegenwartsromans" hat sie seinerzeit ein kleines Standardwerk geliefert, das, wenigstens bei uns, nicht übertroffen worden ist. Es war weit mehr als ein Oberblick, da es sich eingehend mit den Form- und Bewußtseinsaspekten der einzelnen Schriftsteller auseinandersetzte. Ihr zweites Buch über denselben Gegenstand vertieft diese Aspekte. Es nimmt sich in wenigen großen Essays die in Deutschland bekannteren Autoren vor und behandelt sie vorwiegend unter dem Blickwinkel ihres sprachlichen Experiments. Untersucht werden: Nathalie Sarraute, Alain Robbe Grillet, Claude Simon, Michel Butor, Robert Finget und Samuel Beckett. Unbegreiflich allerdings, daß sie Queneau ausgelassen hat.

Der Aspekt der Sprache ist sicher grundlegend für die Entwicklung dessen, was man sich noveau roman zu nennen angewöhnt hat. Das Wort "eigenmächtig" soll andeuten, daß die Sprache autonom wird, besser: daß sie sich von bestimmten Prämissen des realistischen Romans, nämlich der, Ereignisse zu erzählen, weitgehend gelöst hat. Die Sprache, der Stil, wird zum Bewegungsfeld des Romans, zu einem seismographischen Instrument eines Wahrnehmungsvorganges. Realität wird nicht mehr als etwas Festes, Sicheres aufgefaßt, das man eben schildern könnte, sondern als ein fluktuierender Prozeß zwischen dem Bewußtsein des Schreibenden und seinem Gegenüber, seinem Gegenstand. Dieses Gegenüber wird sprachlich "untersucht". Das bedeutet, es ist in einer grundsätzlichen Weise dem Schreibenden entfremdet, ihm nicht mehr verfügbar; er gebietet nicht, wie einst der Erzähler, göttergleich über die ihn umgebende Welt, sondern sucht sich ihr, über den Prozeß des Schreibens, zu nähern. In der Sprache also wird der dialektische Prozeß zwischen Subjekt und Objekt ausgetragen, und damit ist sie im Grunde nicht "eigenmächtig", sondern ein differenziertes Instrumentarium, das die Entfremdung "zwischen dem Menschen und der umgebenden Welt m bestürzender Weise spiegelt und so eine Erfahrung registriert, die selbstverständlich nicht von heute ist, die aber erst heute in dieser Rigorosität in die Romansprache selbst eindringt. Gerda Zeltner Neukomm untersucht, wie dieser Vorgang bei den einzelnen Schriftstellern aussieht, sie interpretiert mit großer Kennerschaft an den Texten "entlang", gewinnt intime Einblicke in die Verfahrensweise der einzelnen Autoren, aber kaum einen Blick darüber hinaus. Ihr mangelt der Sinn für den historischen Aspekt und infolgedessen der Sinn für die größere Einordnung des Phänomens. Ihr stellt es sich so dar, als sei die Geburt des nouveau roman eine Art mystischer Vorgang gewesen: "Was man als Nouveau Roman bezeichnet, hat sich nicht allmählich herangebildet. Aus verschiedensten Welt- und Vorstellungsräumen herkommend, sind vielmehr seine Autoren plötzlich da. Wie auf ein heimlich verabredetes Zeichen hin — um Mitternacht. Der Name ihres Verlagshauses (Les Editions de Minuit) ist wie eine symbolische Bezeichnung " Ich glaube nicht, daß es so wunderbar zuging. Allein aus den zahlreichen Essays von Butor, R obbe Griüet und Sarraute geht sehr eindeutig der nahtlose Traditionszusammenhang mit dem Roman des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts hervor. Ein Bewußtsein schießt nicht wie ein Pilz aus dem Boden und bildet urplötzlich um Mitternacht eine kleine Pilzkolonie, sondern reift langsam auf geschichtlicher Basis heran. Der nouveau roman hat Vorgänger, er ist keine Neuheit, sondern das Ergebnis einer zu diagnostizierenden Entwicklung. Diese einmal zu untersuchen, wäre von grundsätzlicher Bedeutung.

Man wird es einem Essayisten nicht verdenken können, wenn ihm bei einem wesentlichen Schriftsteller bessere Gedanken kommen als bei einem weniger belangvollen. Die interessantesten Essays sind die über Nathalie Sarraute, RobbeGrillet und Samuel Beckett. Hier sind zum Teil glänzende Studien gelungen, die das Verständnis cieser Autoren in Deutschland erweitern dürften. Insgesamt ist zu sagen: "Die eigenmächtige Sprache" ist eine wichtige Untersuchung, die bedeutsame Ansätze zu weiteren Untersuchungen tietet. Auch Interpretation ist ein "unendlicher" Prozeß.