Von W. O. v. Hentig

Hans Henle: Chinas Schatten über Südostasien; Holsten-Verlag, Hamburg, 300 Seiten, 17,80 DM.

Wer im Klappentext ein Buch als brennend – oder hochaktuell ankündigt, sollte bedenken, daß eine solche Ankündigung zwar die Erwartungen zu spannen, aber auch leicht zu enttäuschen geeignet ist. Wenn ein Werk 1963 fertiggestellt war und noch die Ereignisse des Jahres bis zu seinem Ende behandeln konnte, dann besteht die Gefahr, daß es 1965 nicht mehr „hochaktuell“ ist.

Henles Zusammenschau der politischen Entwicklungen und der Rolle führender Persönlichkeiten Südostasiens unterliegt dieser Gefahr nicht. Schon 1963 äußerte sich Henle zur Behauptung Johnsons, Amerika dürfe nicht gegen seine hohen Verpflichtungen verstoßen und müsse dem Kommunismus, wo immer es sei, entgegentreten. Er erklärt die heutige Haltung Sukarnos in der Singapur- wie Nehru/Shastris in der Kaschmir-Frage. Zu einer solchen Beurteilung der heutigen Lage, die nichts mit politischer Prophetie zu tun hat, konnte Henle aber nur durch ein ebenso unbefangenes wie gewissenhaftes Studium der kolonialgeschichtlichen Ereignisse, der sie registrierenden Dokumente und Charakterisierung der führenden Männer Ostasiens gelangen.

Henle ging bei seiner Arbeit im hohen Maße methodisch vor. Er behandelt zunächst den asiatischen Marxismus nicht nur in seinen einzelnen Erscheinungsformen, sondern vor allem die Gründe, weshalb er sich mit der weißen Mitwirkung oder besser Schuld zwangsläufig so entwickeln mußte, wie er uns heute vor Augen steht. Zwar beschreibt er die geschichtlichen Entwicklungen ganz allgemein, konzentriert sich dann aber auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nationalismus und Staatenbildung in Südostasien sind „mehr als anderswo Produkte des Schocks der Kolonialepoche“. Das tiefe, noch aus der Konquistadorenzeit stammende Trauma, das beispielsweise revolutionären Bewegungen in Südamerika zugrunde liegt, finden wir in Indonesien sowohl wie in Vietnam, Laos, Kambodscha, in Teilen der ehemaligen französischen Kolonie Tongking. Eine kleine Erinnerung wie die an die grausame Auflage der französischen Kolonialbehörden, bestimmte Mengen Alkohol und Opium zu konsumieren, erhellt blitzartig das Verhältnis der Kolonialmacht zu den Beherrschten.

Die heute allenthalben aufflackernden revolutionären Bewegungen sind gegen solche Unterdrückung wie auch den niederen Bildungsstand gerichtet, in dem die Fremdherrscher ihre Untertanen ganz absichtlich gelassen haben. Das sind nicht etwa vom Verfasser aufgestellte Thesen, sondern Tatsachen. Sie müssen uns auch zu ganz neuen Urteilen über die Haltung Chinas gegenüber einem revolutionären Nationalismus führen. Unter Kolonialismus versteht man eben alles, was auf der einen Seite die jungen Staaten ins Leben gerufen hat, während er sich paradoxerweise gerade diesen Bewegungen vielleicht naiv gutgläubig, aber ausnahmslos mit den gröbsten Machtmitteln widersetzte.

Die ehemaligen Kolonialländer sind deshalb von dieser Bewegung ganz anders und viel stärker ergriffen als von kolonialer Herrschaft wenigstens äußerlich freie Länder wie Thailand, Nepal oder Abessinien.