Der Millionär als Bettler

rWiedersehen mit Lyon, Erinnerung und Wirklichkeit: Damals, vor dreißig Jahren, waren die altmodischen Ansichten der Lyoner mit einer eigenartigen Mentalität gepaart. Es genügt zu hören, daß Monsieur Gillet, ein mehrfacher Millionär, eines Mittags auf einer Bank im Freien einschlief. Als er aufwachte, war sein Hut voller Kleingeld. Damals mußte man aussehen wie ein Bettler, wenn man reich war. Meine Schwiegermutter war trotz ihres Reichtums eine typische Vertreterin des konservativen Mittelstandes. Nach meiner Hochzeit gab sie mir bedeutungsvoll einen Korb mit zerrissenen Strümpfen meines Mannes. Ich trug den Korb zu den Hausmädchen. Die Familie war schockiert. Wie oft mußte ich in der Badeanstalt baden, da zu Haus die Badewanne als Wäschekorb diente! Lyon war eben eine Provinzstadt.

Erinnerung und Wirklichkeit! Lyon ist durch den Seidenmarkt und die Seidenbörse bekannt. Aber berühmter sind die Lyoner Restaurants, die Cuisine Lyonnaise mit Sahne, Trüffeln, Artischocken und Spargel. Eine Spezialität: Foulet en chemise. Das ist Geflügel, das in ein Stück Tuch eingenäht wird. Im Restaurant Mere Filloux stellt noch immer der gigantische schwarze Kochtopf, der seit 100 Jahren nicht gewaschen worden ist. Darin werden diese Poulets mit Trüffeln gekocht.

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An der Saone erlebte ich eine Überraschung. Am Kai Pierre Scize sah ich eine Statue am Fuß der Felsen: Jean Kleberger aus Nürnberg. Er war vor 500 Jahren Bürger von Lyon. Man nannte ihn Homme de la Röche, Felsenmann. Er wurde Gemeinderat von Lyon und war sehr angesehen wegen seiner Klugheit und Tatkraft. Denn es gelang ihm, den dauernden Überschwemmungen durch die Saone Einhalt zu gebieten. Damals zwängte der Fluß sich durch die engen Felsen von Fourvieres und la CroixRousse. Kleberger ließ die Felsen sprengen. Die Saone wurde ruhig. Seine Frau, la belle Allevon Vaise. Der Turm des Gebäudes steht noch heute und trägt ihren Namen. Es freute mich, daß man im alten Lyon ein geachteter Bürger sein konnte, obwohl man aus einem fremden Land gekommen war. Klugheit und Güte waren wichtig, Grenzen und Länder nicht.

Im siebzehnten Jahrhundert lebten viele Edelmänner und reiche Kaufleute in Lyon Übeall waren elegante Villen und Patrizierhäuser, Parks und Gärten. Aber Lyon hat unter der Revolution sehr gelitten. Schuld daran ist die verletzte Eitelkeit eines Schauspielers. Der Mime war kurz vor Ausbruch der Revolution im Jahre 1789 im Theater am Place Bellecour ausgepfiffen und vom verärgerten Publikum aus dem Theater getrieben worden. Er schwor, sich zu rächen. Im Jahre 1793 wurde er Mitglied des Nationalkonvents. Er fuhr nach Lyon, um dort den Mob aufzuwiegeln. Es kam zu Straßenkämpfen. Die Lyoner Royalisten leisteten erbitterten Widerstand. Die Revolutionäre wüteten furchtbar. Die Stadt ging in Flammen auf. Mehr als 1300 Lyoner wurden geköpft.

Als Bonaparte von seinem Ägyptenfeldzug über Lyon zurückkam, war er über die Zerstörungen entsetzt. Die Stadt war n 1 noch Schutt und Asche. Der Übeltäter selbst war aber schon längst hingerichtet worden.

Das Lyon meiner Jugendzeit ist über die Flußufer hinausgewachsen. Die alten Kais der Saone mit den schattigen Platanen, wo ich so oft- allein geträumt habe, sind heute riesige A utopirkplätze. Die breiten Promenaden an der Rhone haben sich in Autobahnen verwandelt. Die fußgänger sind die Leidtragenden. Fü sie ist wenig geblieben außer dem Parc de la Tete dOr. Dieser Park außerhalb der Stadt mit seinen Zierteichen und Schwänen hat eine Rosenschau, die die größte der Welt sein soll.

Das alte Lyon am Ufer der Saone schmiegt sich an den Fourviereshügel. Diese Renaissancestadt ist aus der Asche der Vergangenheit ers anden. Während des Krieges stieß man bei Häuserreparaturen auf uralte Brunnen und dicke Mauern. Manche Keller hatten halbe Gewölbe. Man grub weiter und fand alte Skulpturen, zieriche Treppen, hübsche Vorhöfe, Balkons und Balustraden, Kuppeln, Türme, Bogengänge, Giebel mit Verzierungen, Flechtwerk, Girlanden, Fratzengesichter und kunstvoll gefertigte Wappen über den Portalen. Das französische Kulturministerium interessierte sich für die Sache. Die Restauration wurde ernsthaft in Angriff genommen. Heute findet man in den alten Gassen Antiquitätenläden, Feinschmeckerlokale, kleine Cafe Die Montee du Gourgdlon steigt steil zum Fourviereshügel an. Im Frühjahr schießt das Schneewasser gurgelnd zu Tal. Zu dieser Jahreszeit wurde, 1304, Paps Clemens V in St. Jean dAinay gekrönt. Als er die steile Gasse auf einem Maultier hinaufritt, stolperte das Tier, und der Papst fiel ins schmutzige Wasser. Ein Smaragd seiner Tiara kollerte zwischen die Steine des Weses. Man sucht heute noch danach. Die Seidenweber, die Canu ts, hatten sich zunächst neben der Saone in großen Kellern niedergelassen. Später, als Jacquart seinen maschinellen Webstuhl erfand, siedelten sie zu den Höhen des Croix Rousse über. Lyon wurde das Zentrum der europäischen Textilindustrie. Seit langem bestimmt die französische Haute Coumre zusammen mit den Fabrikanten von Lyon Muster und Farben kommender Moden.

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