Von Erwin Piscator

Es gibt In der neueren Geschichte niemanden, der das politische Theater so entschieden, so leidenschaftlich und so souverän vertreten hat wie Erwin Piscator. Er war der große Mann der engagierten Kunst nach dem Ersten Weltkrieg, er leitete von 1924 bis 1927 die Berliner Volksbühne und 1927 bis 1928 die Piscator-Bühne. 1938 emigrierte Piscator in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort gründete er eine Schauspielschule. 1953 kehrte er nach Deutschland zurück und inszenierte an vielen Theatern. Seit 1962 ist er Intendant der Freien Volksbühne in Berlin.

Theater als eine Kunst, die in der Öffentlichkeit realisiert wird, hat immer und zu allen Zeiten politische Aspekte gehabt. Wenn man, mit Aristoteles, den Menschen als zóon politikón annimmt, als ein Wesen, das seiner Anlage und Bestimmung nach „politisch“, das heißt: gesellschaftlich orientiert ist, dann hat das Theater, indem es in dialektischer Konfrontation die Interessen einer wie auch immer gearteten Gesellschaft und die des Individuums ins Spiel bringt, einen grundsätzlich politischen Charakter. Das haben am frühesten die Politiker erkannt, die dann oft genug im Laufe der Geschichte dieser Erkenntnis durch Zensur und Verbot entsprechenden Ausdruck gaben.

Innerhalb des Theaters ist das Bewußtsein seiner politischen Situierung stets sehr schwankend und uneinheitlich geblieben. Die Theatergeschichte zeigt ein wirres Durcheinander von politischem Engagement und apolitischer Kunstfrömmelei. „Tendenz“ war das Stichwort, bei dem sich spätestens die Geister schieden.

Das Tendenziöse, zweckhaft Gezielte ist zweifellos ein wichtiges Merkmal politischen Theaters; und wer meint, Kunst dürfe nicht mit Tendenz behaftet sein, der wird politisches Theater für unkünstlerisch halten. 1918, als wir sahen, wohin mangelnde Beschäftigung mit den Fragen der Politik geführt hatte, als wir darangingen, ein konsequent politisches Theater zu machen, um die Politik ins Volk zu tragen, damals hatten wir keine Zeit, uns mit diesen Oberlehrerfragen nach der vermeintlichen Reinheit der Kunst herumzuschlagen. Wir warfen lieber den ganzen Begriff „Kunst“ über Bord; wir zerschlugen wütend den Elfenbeinturm, in den sich die Kunst allzu lange geflüchtet hatte.

Trotz mannigfaltiger Vorleistungen im Laufe der Jahrhunderte ist das, was wir politisches Theater nennen, erst in diesem Jahrhundert entstanden, und zwar als Reaktion auf das weltweite Chaos, das der Erste Weltkrieg uns beschert hatte. Unser Ziel war, mit den Mitteln des Theaters daran mitzuwirken, daß sich eine derartige Katastrophe nicht noch einmal: wiederholen könne. Um das allerdings zu erreichen, durfte die Gesellschaft nicht so bleiben, wie sie war; sie mußte verändert werden. Unser Theater, das zu einer solchen Veränderung beitragen sollte, mußte deshalb seinem Wesen nach revolutionär sein.

Da aber sehr bald der Kampf um eine neue Gesellschaft zu einem erbitterten Kampf der Ideologien wurde, mußte sich ein politisches Theater, wenn es nicht auf jede Wirksamkeit verzichten wollte, ideologisch festlegen. Die Wahl war damals relativ leicht. Das politische Theater der zwanziger Jahre folgte, wenn auch nicht konsequent auf der Parteilinie, ja oft sogar von ihr abweichend, der marxistischen Ideologie, weil es in ihrer Verwirklichung am ehesten eine Garantie für soziale Gerechtigkeit und internationale Verständigung zu finden glaubte.