Von Eleonore Sterling

Es hat den Anschein, als sei der Antisemitismus in Deutschland im Schwinden. Seit 1952 fragt ein demoskopisches Institut in regelmäßig gen Abständen die Bevölkerung der Bundesrepublik: „Würden Sie sagen, es ist für Deutschland besser, keine Juden im Land zu haben?“ Vor dreizehn Jahren fand noch jeder Dritte, es wäre am besten, wenn in Deutschland keine Juden leben würden. 1956 war der Prozentsatz auf 29, und 1963 auf 18 gesunken. Erstaunlich ist das Ergebnis einer weiteren Untersuchung: 1959 wurde bei einer Umfrage ermittelt, daß 44 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Bundesrepublik sich nichts unter dem Wort „antisemitisch“ vorstellen konnten. Die Demoskopen deuteten dies als ein Zeichen des Abklingens des Antisemitismus. Die Ergebnisse wurden in der Öffentlichkeit mit Genugtuung aufgenommen.

Hier liegt aber eine Gefahr: Mit einer Wissenschaftlichkeit, die den Dingen nicht auf den Grund geht, werden Tatbestände verkleidet. Die Meinungsforschung, die das Schwinden des Antisemitismus beweisen will, stützt sich auf eine oberflächliche Befragung. Wenn im Deutschland des Post-Auschwitz fast die Hälfte der Bevölkerung behauptet, sich unter dem Wort „antisemitisch“ nichts vorstellen zu können, dann liegt der Verdacht nahe, daß sie damit nicht, wie es behauptet wird, eine projüdische Einstellung bezeugt, sondern daß sie etwas verbirgt.

Eine Untersuchung des Frankfurter Institutes für Sozialforschung („Gruppenexperiment“) aus den Jahren 1950/1951 bestätigt diesen Verdacht. Anders als die üblichen Umfragen unterschied diese Erhebung zwischen der „öffentlichen“ und der „nichtöffentlichen“ Meinung und berücksichtigte die besondere krankhafte Irrationalität, die dem Judenhaß geschichtlich nachweisbar stets innewohnte. Die Frankfurter Sozialforscher gingen von der Vermutung aus, daß der Antisemitismus in Deutschland kaum mehr „offiziell“ und „gesellschaftsfähig“ sei, da seine Propagierung die Rechtfertigung vorsätzlichen Mordes bedeuten würde. Was freilich öffentlich zum Ausdruck kommt, ist deshalb nicht identisch mit der im intimen Kreise vertretenen Meinung. 88 Prozent der Befragten einer Durchschnittsprobe der bundesrepublikanischen Bevölkerung, die direkt auf die Frage des Antisemitismus angesprochen wurden, wehrten zunächst prompt mit folgenden Bemerkungen ab: „Wir wissen von nichts“ – „Laßt uns in Ruhe“ – „Dieses Problem ist nicht mehr aktuell.“ Mit Hilfe einer „Reizdiskussion“ in kleinen Gruppen gelang es indessen den Soziologen, diese Abwehrstellung zu durchbrechen und den tatsächlichen, unterschwelligen Meinungen auf den Grund zu gehen. Die tiefenpsychologische Analyse ergab ein weitaus düsteres Bild als die anderen Umfragen: 29 Prozent der Befragten bezeugten antisemitische Neigungen, 39 Prozent waren ausgesprochen judenfeindlich. Nur 7 Prozent reagierten positiv projüdisch.

In der Öffentlichkeit fanden die negativen Ergebnisse dieser Studie kaum Beachtung, dafür aber um so mehr die Resultate jener Umfragen, die ein „Schwinden des Antisemitismus“ zu beweisen schienen. In der Tat, die Ergebnisse oberflächlicher Befragungen gehören zu den Beweismitteln des gegenwärtigen deutschen Philosemitismus. Das wirft die Frage auf, warum man in der Bundesrepublik so apodiktisch behauptet, daß es kaum einen Antisemitismus mehr gebe, daß die Beziehungen der christlichen und jüdischen Bürger friedlich und freundschaftlich seien, wo doch tiefergehende wissenschaftliche Ermittlungen, und nicht zuletzt die Ereignisse selber – Hakenkreuzschmierereien, Friedhofsschändungen und dergleichen – genau das Gegenteil beweisen.

Schon auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit zwischen der Mechanik des Philosemitismus und des Antisemitismus auf. Die Analysen des Antisemitismus in der deutschen Geschichte zeigen, daß dieser auf eine kleine Bevölkerungsgruppe gerichtete Haß ursächlich nur sehr wenig mit seinen Opfern zu tun hat. Seine Basis liegt in den allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Mißständen, und er findet seine ideologische Rechtfertigung in überlieferten, teils säkularisierten pseudochristlichen Vorstellungen vom Judentum.

Ähnlich ist die Mechanik des deutschen Philosemitismus, der sich unter anderem in der eilfertigen Behauptung äußert, daß die Judenfeindschaft im deutschen Volk so gut wie verschwunden sei. Auch er hat nur noch wenig mit seinem angeblichen Gegenstand – dem Juden als einem Menschen – zu tun. Seine wichtigsten Beweggründe liegen eher in der Schwäche der jungen deutschen Demokratie.