In Liverpool ist etwas passiert

Wenn dasihr Junge wäre, würde sie ihn totschlagen, sagte eine Frau und wies erregt auf einen langhaarigen Knaben. Und um sie herum hob sich des Volkes Stimme: Dem müsse man die Hammelbeine langziehen, dem würden ein paar Jahre beim Militär guttun, warum denn die Polizei da nicht einschreite, es sei ja unerhört, was man sich bieten lassen müsse. Dies trug sich zu nicht irgendwo, sondern in Deutschlands Mitte, in Berlin, vor der Gedächtniskirche und vor einer nahen Fernsehkamera, und auch nicht irgendwann, sondern vor etwa zwei Monaten. Die so sprachen, waren Leute von nebenan, biedere Hausfrauen und ehrbare Krämer, waren zufällig des Weges gekommen, aus dem Büro oder aus dem Kaufhaus oder aus dem Cafe, hatten vielleicht gerade die Mauer besichtigt oder das Europa Center. Und sie sprachen so, obwohl ihnen niemand etwas getan hatte und niemand etwas von ihnen wissen wollte. Sie regten sich auf über ein paar Knaben, weil die Knaben in der Nähe ihres Weges saßen, da auf den Stufen vor der nicht ohne einen gewissen Grund Versehrten Gedächtniskirche, und weil die Knaben lange Haare hatten. Sie sprachen von Totschlagen, weil da welche anders waren als sie. Weil da welche anders waren, die nicht von anderswo hergekommen waren, sondern von nebenan, aus Neukölln oder Lichterfelde oder Kreuzberg. Denn wenn die, die von anderswo herkommen, aus Liverpool zum Beispiel oder aus London oder aus New York, lange Haare haben und diese Musik machen, dann liest man davon belustigt in der Lokalzeitung Und nimmt es auch noch hin, daß dabei Stühle kaputtgehen und die Polizei etwas zu tun kriegt. Dann regt man sich nicht weiter auf. Aber was nebenan geschieht und gar vor der eigenen Kirche, das muß seinen ordnungsmäßigen und allseits gebilligten Gang gehen. Wenn es die eigenen Jungs sind, will man sie lieber totschlagen als zulassen, daß sie lange Haare tragen und vor aller Augen herumsitzen und einen Werktag vertrödeln. Auf die Idee, daß es gewisse Gründe haben könnte, wenn die da herumsitzen und sich weigern, sich einspannen zu lassen, auf diese Idee kommen die putzwütigen Hausfrauen, die der Wettlauf um das weißeste Weiß in Atem hält und manchmal um den Verstand bringt, und die schnell entrüsteten Ratenzahler, die nur ordentlich und von acht bis fünF herumsitzen, und die auf Bild abonnierten Moralpächter nicht. Was da passiert, geht ihnen über den Horizont.

Es hat das alles nicht in Liverpool und nicht mir den Beatles angefangen. Aber durch die Beatles und durch die besonderen Umstände, die in Liverpool zu Tage traten, durch den leidenschaftlichen Krach, der in dieser Stadt geschlagen wurde, wurde es ruchbar: Es war etwas passier:. Angelockt durch den Erfolg der Beatles, machten sich die Zeitungen über die Langhaarigen her, kam das Fernsehen nach Liverpool und msp zierte die berüchtigte Mathew Street, kamen die Soziologen und suchten nach Begriffen, um die Überraschung schleunigst zu rubrizieren, kamen hurtige Manager, um ihren Schnitt zu machen. Die Kulturhüter schreckten hoch und wetzten sogleich ihre für alles dankbaren Federn, die Politiker auf der Rechten zogen wieder einmal gegen den ach so verderblichen Wohlfahrtsstaat vom Leder, und die auf der Linken sprachen vom revolutionären Geist der Jugend, um bei Stimmung zu bleiben. Es gehe zu Ende mit dem Abendland, jammerten die einen, das sei ja ein abscheulicher Unfug, ein entsetzlicher Lärm, klagten die anderen. Die Aufregung war groß, und in den Kassen begann es zu klingeln.

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Der Liverpooler Beat war über die Merseyside hinausgekommen, die Beatles hatten die Stadt, in der sie einmal gehungert hatten, verlassen, ein Zustand hatte sein Markenzeichen.

Was einmal in den USA am Rande der Gesellschaft, mit den Beatniks, begann, hat sich in Europa erfolgreicher durchgesetzt, eine ganze triste Stadt umgekrempelt und landauf und landab und nicht nur in England eine Kettenreaktion ausgelöst, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Denn kaum hat man sich an die Beatles gewöhnt und meint, das sei nun alles ausgestanden und fertig und in den festen Händen der Vergnügungsindustne, ist schon wieder alles anders, ist zum Klang der Gitarren der des Saxophons hinzugekommen, passen die eben salonfähig gemachten und von Tanzlehrern in schlecht sitzenden Anzügen öffentlich vorgeführten Tänze nicht mehr zum Takt des Cavern Beat.

Daß die Beat Welle ihren Weg von Amerika über England nahm, daß sich die Musik im Cavern Club verwandelte, daß eine importierte Haltung des passiven individuellen Protestes dort umschlug in ein gesellschaftlich vermitteltes Massenphänomen, warkein Zufall, und es war auch kein Zufall, daß die Stadt Liverpool den Ruhm für sich beanspruchen kann, die Beatles hervorgebracht zu haben.

England ist das Geburtsland des modernen Industriekapitalismus und bis heute das Land mit der am klarsten ausgeprägten industriekapitalistischen Struktur. Und nirgendwo treten die sozialen Antagonismen der englischen Gesellschaft und die Problematik der zweiten Phase der industriellen Revolution, der beginnenden Automation, schärfer hervor als in jenem Ballungsgebiet, dessen Zentrum Liverpool ist, die seinerzeit von der Weltwirtschaftskrise am härtesten getroffene Stadt Englands. Damals betäubte das Proletariat der Merseyside seinen Hunger mit Boxveranstaltungen und Fußballspielen, aus jenen Tagen vor allem rührt die Neigung der Bevölkerung Liverpools zur Massenkompensation sozialer Spannungen. Heute floriert der alte Sklavenhandel- und Baumwollhafen wieder, heute bauen in Liverpool Ford, Vauxhall und Unilever riesige Industrien auf, und doch ist bis heute die Arbeitslosenziffer Liverpools die höchste in England — man muß sich das einmal vorstellen: dreißigtausend Arbeitslose in einer einzigen Stadt — bis heute sind nach amtlichen Angaben nahezu die Hälfte aller Liverpooler Wohnungen Slums, Trotz allem aber irren sich jene Exegeten des Beat Phänomens, die den Beatles eine klassenkämpferische Ideologie unterschieben wollen und hinter dem Klang der elektrischen Gitarren die Internationale zu hören meinen.

Denn zum einen ist die Beat Kultur eine weitgehend konformistische. Insofern jedenfalls, als die Masse der Beat Fans sich nach vorgefertigten Verhaltensmustern richtet, sich kollektiven Konsumgewohnheiten anpaßt und als diese Kultur ohne ihre industrielle Verbreitung nicht möglich wäre.

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