Ein Arzneimittel, das die Vergeßlichkeit zu heilen und die Lernfähigkeit zu steigern verspricht, will die amerikanische Pharmazie-Firma Abbott jetzt klinisch erproben. Sollten diese Versuche am Menschen zu ebenso verblüffenden Resultaten führen, wie die bereits durchgeführten Tierexperimente, dann wäre die Entwicklung jenes Medikamentes eine bedeutsame pharmakologische Errungenschaft.

Die Substanz, die zu derartigen Hoffnungen Anlaß gibt, trägt die vorläufige Bezeichnung „Abbott 30400 – Cylert“; es ist Magnesium pemolin (eine Kombination von 2-Imino-5-phenyl-4-oxazolidinon und Magnesium-hydroxid). Über die Wirkung des Stoffes an Tieren berichteten am Montag dieser Woche bei der Jahresversammlung der größten US-Wissenschaftsorganisation (AAAS) in Berkeley (s. auch den nebenstehenden Bericht) drei amerikanische Wissenschaftler, Dr. Alvin J. Glasky und Dr. N. P. Plotnikoff vom Abbott-Forschungslabor in North Chicago und Dr. Lionel N. Simon von der Staatsuniversität Illinois.

Eine Reihe von Experimenten, über die wir an dieser Stelle häufig berichteten, hat zu der Vermutung geführt, daß die Ribonukleinsäure (RNS), deren Moleküle den genetischen Informationsaustausch in der Zelle besorgen, auch beim Lernvorgang im Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Von dieser Hypothese ausgehend, suchten die Biochemiker Glasky und Simon nach einer Substanz, welche die laufend stattfindende Synthese von RNS-Molekülen in den Hirnzellen verstärkt. Als ein solches Mittel erwies sich Magnesium pemolin. Sowohl in Hirnzell-Präparaten als auch im lebenden Tiergehirn steigert es die RNS-Produktion auf etwa das Dreifache.

Der Neuropharmakologe Plotnikoff prüfte die Wirkung des Stoffes auf das Lernverhalten von Ratten. Dabei bediente er sich eines bekannten Lernexperiments: Die Tiere werden in einen Käfig gesetzt, den sie jederzeit durch eine kleine Tür verlassen können. Der Boden des Käfigs besteht aus einem Drahtgeflecht. Einige Sekunden nach dem Ertönen eines lauten Summtons wird an den Käfigboden ein Wechselstrom angelegt, der den Ratten einen elektrischen Schlag versetzt. Diese Prozedur wird solange wiederholt, bis die Tiere gelernt haben, das akustische Signal als Warnung zu verstehen und den Käfig zu verlassen, ehe sie elektrisiert werden.

Plotnikoff stellte fest, daß Ratten, die eine halbe Stunde vor dem „Unterricht“ mit dem Futter Magnesium pemolin eingenommen hatten, die Bedeutung des Warnsignals vier- bis fünfmal schneller kapierten und wesentlich länger im Gedächtnis behielten als sonst. Andere Tierversuche bestätigten dieses Ergebnis.

Ein Arzneimittel, das die Lern- und Merkfähigkeit verbessert, wäre gewiß ein Segen für viele. Ob „Abbott 30400“ die ersehnte „Intelligenzpille“ sein wird, soll sich nun erweisen. Schon jetzt haben die Experimente von Glasky, Simon und Plotnikoff einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Hirnfunktion erbracht. Denn sie lieferten ein weiteres Indiz dafür, daß die RNS entscheidend an der Speicherung von Gedächtnisinhalten beteiligt ist, Thomas v. Randow