Italien Wallfahrt nach Sotto il Monte Der Stellvertreter des Stellvertreters

Ein armes Dorf, in dem ein Wunder geschah Von Monika von Zitzewiiz

V7"or der Trattoria „Dal buon Papa" standen die Hungrigen Schlange. Der hemdsärmelige Wirt erzählte in einer Verschnaufpause, daß er am Ende des Monats einpacken würde. In zwei Jahren hätte er genug am Pilgerboom verdient, um in sein menschenleeres kalabresisches Dorf zurückzukehren und sich auf ein paar Morgen Oliven zur Ruhe zu setzen „Sie hätten im Sommer erleben müssen, wie Touristen aus allen Erdteilen und Italiener aus allen Ecken Italiens herbeiströmten Sie strömten nach Sotto il Monte. Das Dorf in den Bergamasker Hügeln ist das Geburtsdorf des guten Papstes Giovanni XXIII.

Die Dorfstraße mit ihren alten, gelbgetünchten Häusern wogte von Menschen wie eine Kirmes. Die Andenkenhändler an allen Ecken machten blühende Geschäfte mit Krügen, Kopftüchern, Messern und Löffeln, alle mit dem Bildnis des guten Papstes.

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In der Quattrocentokirche San Giovanni Derührten die Teilnehmer verschiedener Reisegruppen, geführt von ihren Pfarrern, einer nach dem anderen andächtig den Taufschrein, davor Angelo Roncalli 1881 als viertes von vierzehn Geschwisterkindern getauft worden war. Nächste Station der Wallfahrt: das Geburtshaus des Papstes, ein alter schlichter Hof, abseits der Straße. In den umgebauten Scheunen und Ställen hat man Toiletten eingerichtet und Tische mit Andenken und Devotionalien aufgestellt. Eine Holztreppe führt zum Geburtszimmer des Papstes mit verblichenen Photos der Eltern, einer Kommode, einem Betpult, einem Kruzifix. Daneben kann man in einer Kammer Gewänder besichtigen, einen schwarzen Talar, ein purpurnes Kardinalsgewand, eine weiße Robe — die äußeren Zeichen der Würde auf dem Weg des Bauernsohns zum Thron von Sankt Peter. Die Monsignori ermahnen ihre Pilgergruppen zu Stille und Andacht.

Hinter dem Geburtshaus beginnt das neue Sotto il Monte. Es paßt nicht zu dem alten Dorf: die Missionarsschule und die neue, ganz moderne Kirche, vor der gütig lächelnd ein schwerer, bronzener Giovanni steht. Seine segnend ausgestreckte Hand, poliert durch die Berührung Hunderttausender von Pilgerhänden, glänzt golden. Im neuen Sotto il Monte gibt es ferner eine brandneue Schule, einen Kindergarten, das Gemeindeamt. Alles etwas zu großartig in Glas und Beton. Die Fremden dringen nur selten so weit vor. Sie biegen gleich ab zu dem Hof rechts von der Kirche, in dem der Knabe Angelo mit seinen Eltern und vielen Geschwistern wohnte, bevor er, elfjährig, ins Priesterseminar nach Bergamo kam. Das Hoftor ist verschlossen. In dem renovierten Haus ist außer dem Papstwappen nichts Besonderes zu sehen. Doch dann kommt schlurfenden Schrittes ein alter Mann aus dem Haus und setzt sich auf die Steinbank vor dem Tor. Das Bild veröffentlichten viele Illustrierte. „Das ist Alfredo, der Bruder des Papstes", flüstert jemand in der Menge.

Der alte Bauer mit dem freundlichen, breiten Gesicht sieht seinem Bruder ähnlich. Er hat die Hände in den Schoß gelegt. Die Menschen drängen näher heran. Eine Gruppe junger Nonnen betrachtet ihn mit verehrenden Blicken „Nun Schwester, ihr habt gewiß eine lange Reise gemacht", sagt Alfredo. Er gibt sich Mühe, seinen Bergamasker Dialekt zu verbergen. Von Udine sind sie gekommen, berichtet die Nonne, um die Stätten zu sehen, an denen Seine Heiligkeit die Kindertage verbrachte. Ob man ihm schon damals angemerkt habe, daß er ein Auserwählter war? „Nö", sagt der Bruder und lenkt auf anderes über „Habt ihr schon das Museum besucht? Ihr müßt die herrlichen Geschenke sehen und das Bett, auf dem der Papst gestorben ist " Eine elegante Dame hat sich vorgedrängt. „Gestatten Sie ein Erinnerungsphoto?" Jemand übersetzt „Ich möchte meinen Freundinnen in Boston das Photo zeigen, auf dem ich neben dem leibhaftigen Bruder des guten Papstes stehe " Alfredo Roncalli posiert verlegen lächelnd neben der Dame. Dann umringen ihn alle: ein Kriegerverein, Pilgergruppen, ein Fußballklub, ein Brautpaar, das vor dem Bronze Giovanni den Brautstrauß niedergelegt hat.

Alfredo Roncalli sucht nach Worten, beantwortet Fragen — gleichsam als Stellvertreter des großen Bruders, der schon zu Lebzeiten in den Glanz des Stellvertreters Christi entrückt worden war. Alfredo fühlt sich für ihn und für die Pilger verantwortlich. Er hat ihnen wenig zu sagen. Ja, wenn sie nach Fruchtfolge, nach Maisernte und Vieh fragten, darüber wüßte er zu reden, aber nicht über das Wunder, das mit seinem Bruder und auch mit diesem Dorf geschah. So überwindet er sich täglich und erträgt die Neugier und die Verehrung. Die Profite aus Frömmigkeit und Geschäftstüchtigkeit, die Sotto il Monte Glas und Beton bescherten, haben auch sein einfaches Bauerntums in ein Zwischending von Vorstadtvilla und Versicherungspalast verwandelt.

Nun streicht ihm eine Touristin gar mit der Hand über die Stirn, als wäre Alfredo eine Reliquie und seufzt: „Unser guter Papst ist im Himmel Da rutscht ihm aber doch ein „Speriamo!" heraus loffen wirs!), und erhebt die Audienz auf „Ich muß jetzt die Kühe füttern", sagt er und erinnert noch einmal an das Museum.

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  • Quelle DIE ZEIT, NaN.NaN.NaN Nr. 53
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