Ist die CDU noch modern?
Die Zukunft der Union entscheidet sich in den Städten
Von Dietrich Rollmann
Die CDU hat die letzte Bundestagswahl eindrucksvoll gewonnen, aber die Sorge um die Partei ist damit nicht zu Ende. Der junge CDU-Abgeordnete Dietrich Rollmann macht sich im folgenden Artikel zum Sprecher derjenigen, die ihre Partei in Gefahr sehen. Seine These: Wenn die Union nicht attraktiver wird – vor allem in den Städten –, wird sie von den Sozialdemokraten überflügelt werden.
Das Wahlergebnis vom 19. September war nicht so sehr ein Sieg der CDU über die SPD, als vielmehr ein Sieg von Ludwig Erhard über Willy Brandt. Bei allen demoskopischen Umfragen hat sich erwiesen, daß ungefähr gleich viele Wähler der SPD ihre Stimme geben wollten wie der CDU. Auf der anderen Seite wünschten bedeutend mehr Wähler einen Bundeskanzler Ludwig Erhard als einen Bundeskanzler Willy Brandt. Erhard (unterstützt durch einen von Dufhues glänzend organisierten Wahlkampf) hat die Stimmen der CDU nach oben, Brandt die Stimmen der SPD nach unten gezogen. Schon bei Kanzlerkandidaten gleicher Attraktivität aber wäre die CDU am 19. September den Sozialdemokraten unterlegen. Dies gilt um so mehr, wenn der sozialdemokratische Kandidat dem christlichdemokratischen Kandidaten in seiner Zugkraft überlegen gewesen wäre.
Konrad Adenauer und Ludwig Erhard haben auf den deutschen Wähler stets überzeugender gewirkt als Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer und Willy Brandt. Es kann indes wohl passieren, daß die Sozialdemokraten einmal einen Kanzlerkandidaten gleicher oder größerer Überzeugungskraft präsentieren; die CDU ist ja gegenüber der SPD nicht für ewig und immer auf den attraktiveren Kanzlerkandidaten abonniert. Das jedoch würde einen haushohen Wahlsieg der SPD zur Folge haben. Und eine sozialdemokratische Bundesregierung, wäre sie erst einmal im Amt, würde sich bei den nächsten Wahlen nicht so leicht wieder aus dem Sattel heben lassen.
Den Gewinnen der CDU in einigen Großstädten stehen Verluste der Partei in anderen Großstädten gegenüber. Insgesamt gesehen befindet sich die Position der CDU in den meisten Großstädten weiterhin im Zerfall. Das wird besonders deutlich, wenn man die Wahlergebnisse von 1965 mit denen von 1961 und 1957 vergleicht. Gegenüber 1957 haben die Christlichen Demokraten im Bundesgebiet einen Stimmrückgang von 49,8 Prozent auf 47,6 Prozent zu verzeichnen, die Sozialdemokraten einen Stimmengewinn von 31,8 auf 39,3 Prozent. In einigen Großstädten aber ist zwischen 1957 und 1965 folgende, typische Entwicklung eingetreten:
Die Gewinne der CDU in den städtischen und großstädtischen Wahlkreisen waren also unterdurchschnittlich, in den Wahlkreisen der Provinz hat sie überdurchschnittlich zugenommen. Bei den Sozialdemokraten war eine gleichmäßige Aufwärtsentwicklung in Stadt und Land festzustellen.




