Das Deutsche Ärzteblatt (Herausgeber: Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung) würzte sein Weihnachtsheft 1965 mit einem Grundsatz-Beitrag „Die ärztliche Freiheit verteidigen“ und mit markanten Kernsätzen: „... fordern wir kompromißlos, daß in unserer freiheitlichen Gesellschaft durch die Anerkennung eines freien Arzttums die Menschenwürde jedes einzelnen gesichert wird.“

Just dasselbe Blatt unterbreitete seinen vierundneunzigtausend Zwangsabonnenten im Neujahrsheft 1966 die Warnung „Achtung: Meinungsumfragen!“ Dort erfuhr man („aus gegebener Veranlassung“): „In zunehmendem Maße versuchen nicht von ärztlichen Organisationen und Verbänden herausgegebene Ärztezeitschriften, ihren Inhalt mit Meinungsbefragungen über Standesangelegenheiten der Ärzte anzureichern ... Das Verfahren, mit dem solche Meinungsbefragungen‘ durch Anforderung von Leserzuschriften durchgeführt werden, ist nicht ausreichend repräsentativ für die angebliche Auffassung der Ärzte ... Der Vorstand der Bundesärztekammer empfiehlt daher den Ärzten, sich nicht an solchen Zeitschriftenumfragen zu beteiligen, vor allem soweit diese sich mit gesundheits-, sozial- und ärztlichberufspolitischen Problemen befassen und sofern solche Umfragen nicht ausdrücklich mit Zustimmung der ärztlichen Standesorganisationen durchgeführt werden.“

Amateur-Sondierungen zweitrangiger (weil verbandsunabhängiger) Zeitschriften erheischen also mit ihren „nicht ausreichend repräsentativen“ Leserzuschriften das Wohlgefallen der Ärzteführer nicht. Wenn nun aber eines der renommierten Demoskopie-Unternehmen an den Doktor herantritt?

„Zur Zeit führt die Firma ‚infratest‘ (Markt-, Wirtschafts-, Motiv- und Sozialforschung), wie wir erfahren haben, bei Ärzten Befragungen durch“, berichtet das Bayerische Ärzteblatt (Herausgeber und Verleger: Bayerische Landesärztekammer). Und weiter: „Die genannte Firma hat sich weder mit der Bundes- noch mit der Bayerischen Landesärztekammer in Verbindung gesetzt und sie über ihr Vorhaben auch nicht unterrichtet. Die Befragung der Ärzte geschieht daher ohne Wissen und Billigung der ärztlichen Standesorganisation. Im übrigen ist auch nicht bekannt, in wessen Auftrag diese Umfragen durch-, geführt werden. Aus diesen Gründen kann die Landesärztekammer den Ärzten eine Mitarbeit an der vorgeschilderten Aktion nicht empfehlen ...“

Ärzte bedürfen offensichtlich der Bevormundung. Wohin sollte es auch führen, wenn der Einzelarzt ohne Sprachregelung von oben dreist und vorlaut ungeprüfte ärztliche Mitteilungen zum besten gäbe? Wenn neben geschäftsführenden Kammerherren etwa Doktoren und Professoren vom ärztlichen Fußvolk fürwitzig Überlegungen zu gesundheits-, sozial- und berufspolitischen Problemen anstellten? Wenn sie gar in aller Öffentlichkeit von der eigenen Meinung Gebrauch machten? Denn: „Die Veröffentlichung der Ergebnisse von Meinungsumfragen kann für die Vertretung des ärztlichen Standpunktes gegenüber Öffentlichkeit und Politik äußerst schädlich sein“, resümiert das Deutsche Ärzteblatt.

Was mögen die Ärzte-Oberen befürchten? Was vor aller Welt offen gesagt, sollte für Ärzte so schädlich sein? Daß vielleicht jemand ihr Solo-Ethos anzweifelte? Daß jemand preisgäbe, überwiegend ernähre den Kassenarzt eine Therapie von Beschwerden, die ohne Therapie auch verschwinden? Daß jemand coram publico gewisse Unvermögen der Medizin entschleierte, die beispielsweise bis heute den Wirkungsmechanismus der meisten Arzneimittel ebensowenig kennt wie die Ursache des Gähnens? Oder steht etwa zu fürchten, daß jemand die Berufs-Gloriole des Arztes nicht goutiert?

Ärzte sind schlechthin nicht zu beneiden. Ihren Beruf kontrastiert zu sonstiger ehrenwerter Tätigkeit eine Verantwortung für Leben und Tod, die jederzeit ganz übernommen sein will. Die Arbeit des Arztes hat nichts Gloriolenhaftes an sich. Sie erledigt sich in unappetitlichem Mief und Gestank. Ärztehände müssen in jeden Schmutz greifen. Anderes Ungemach kommt hinzu: Vom Doktor erwartet man Hilfe Tag und Nacht. Körperlich wird er permanenter Ansteckungsgefahr ausgesetzt, seelisch belasten ihn die täglichen Anfechtungen eines veralteten Krankenversicherungs-Systems. Warum soll er nicht seine Probleme nüchtern in aller Öffentlichkeit beim Namen nennen dürfen?

Georg Schreiber