Von Horst Mönnich

Es war an einem hellen Oktobertag, als ich in die Verliese des Bahnhofs Friedrichstraße hinabstieg. Ich hatte ein Schreiben von Radio DDR in der Tasche, des Inhalts, daß der „Deutsche Demokratische Rundfunk“ die mir ein halbes Jahr zuvor bereits telegraphisch mitgeteilte Absicht, mein Hörspiel Am Ende des Regenbogens über die Sender der DDR auszustrahlen, nunmehr endgültig verwirklichen wolle, und ich möge doch die Zustimmung erteilen; ein Honorar (Höhe präzise angegeben) würde nach der Sendung in DM West auf ein von mir zu benennendes Westkonto eingezahlt werden. Man habe vor, das Hörspiel neu zu inszenieren.

Der Brief steckte in einem neutralen Umschlag, auf dem in Schreibmaschinenschrift lediglich der Absendeort: „Berlin-Oberschöneweide, Nalepastraße 18–50“ angegeben war.

Merkwürdig, dachte ich, während ich mich aus dem Geschiebe der Grenzgänger, die die Bahnsteigstufen herunterdrängten, in die durch Geländer markierte Gasse einfädelte, in welcher man zunächst den Obolus des Eintritts erlegen muß (5 DM West einhandelnd gegen nicht rücktauschbare 5 DM Ost), merkwürdig: ein Brief aus Deutschland, von einem deutschen Sender – warum traust du dem Angebot nicht?

Es hing zweifellos mit dem Inhalt meines Hörspiels zusammen, das man dort senden wollte. In ihm ziehen zwei Menschen Bilanz. Sie sind gescheitert. Sie sitzen in ihrem brandneuen Geschäft, die Rolläden sind heruntergelassen, der Gerichtsvollzieher wird kommen, die Räume zu versiegeln. Sie warten und sprechen miteinander, zu dem andern und zu sich selbst. Sie versuchen sich klar zu werden über das, was hinter ihnen liegt. Wer war verantwortlich für ihr Fiasko? Nur andere? Sie selber nicht?

Dunkel ahnen sie, daß die Wahrheit abhängt von dem, was sie sprechen, worüber sie sprechen, von ihrer Fähigkeit, sich selbst hinter den Ereignissen zu sehen, für die sie sich nicht verantwortlich fühlen. Wie sollten sie das auch? Unter einem Vorwand hat man sie von ihrem kleinen Laden, in dem sie sich recht und schlecht abmühten, nichtsdestoweniger aber glücklich waren, fortgelockt, um sie bei ihrer Rückkehr einem glänzenden, über Nacht erbauten Supermarkt zu konfrontieren, der jetzt ihnen gehören soll.

Das ganze Land, ein riesiges Land, nimmt teil an ihrem Glück. Von Fernsehkameras abgetastet, wird ihre Freude, werden ihre privatesten Regungen vom EINAUGE Millionen Mitbürgern präsentiert, für die sie stellvertretend die Erfüllung geheimster Wünsche der Nation entgegennehmen. Und so steigen sie zu Helden des Alltags auf, werden umworben und umgaukelt, bis sie selbst glauben, daß sie’s verdient haben, ehrlich verdient, ganz aus sich selbst heraus – und stürzen, sich in den neuen Verhältnissen nicht zurechtfindend, nun freilich nicht mehr vom EINAUGE geleitet, ab, tief unter die Stufe, von der sie – eigentlich wider Willen – aufgestiegen sind, verführt um den Preis einer billigen Sensation, für die sie lediglich die Staffage abgaben.