Technischer Fortschritt, steigender Wohlstand und wachsender Energiebedarf gehen Hand in Hand. Daher ist die ausreichende Versorgung mit Energie für alle europäischen Länder ein zentrales Problem. Die Elektrifizierung auf dem Lande, die Automation, die elektrische Wohnraumbeheizung und Klimaregelung sind nur wenige Bereiche, für die ein Ansteigen des Bedarfs an elektrischem Strom vorausgesagt werden kann. Aber auch in der Industrie wächst die Nachfrage nach elektrischer Energie von Jahr zu Jahr. Daher verdoppelt sich in fast allen Industrieländern der Verbrauch an Elektrizität – bei einer jährlichen Wachstumsrate von sieben Prozent – alle zehn Jahre.

In der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stieg der Verbrauch an elektrischem Strom von 118 Milliarden Kilowattstunden im Jahre 1950 auf 270 Milliarden Kilowattstunden (kWh) im Jahre 1960. Und nach den vorliegenden sehr vorsichtigen Schätzungen wird der Bedarf an Eelektrizität in den Ländern der EWG bis 1970 auf 574 Milliarden kWh und bis 1980 sogar auf 1 080 Milliarden kWh ansteigen. Das bedeutet, daß sich der Anteil der elektrischen Energie am gesamten Energieverbrauch, der 1960 noch 21 Prozent betrug, bis 1980 auf einen Anteil von etwa 40 Prozent erhöhen wird.

Die jetzt noch bevorzugten Primärenergieträger (Braunkohle, Ballastkohle, Hochofengas, Wasserkraft) können in Zukunft diese wachsende Nachfrage nicht mehr allein decken. 1980 werden mit ihrer Hilfe etwa 370 Milliarden kWh elektrische Energie erzeugt. Da der Bedarf in diesem Zeitpunkt aber auf über 1 000 Milliarden kWh geschätzt wird, ergibt sich ein Energiedefizit von rund 710 Milliarden kWh. Diese Lücke muß mit Hilfe der Kernenergie geschlossen werden.

Wollte man hingegen versuchen, den ständig steigenden Bedarf an elektrischer Energie nur durch zusätzliche Einfuhren fossiler Brennstoffe (Steinkohle, Erdöl) zu decken, so müßten 1980 rund 60 Prozent des Gesamtverbrauches an Primärenergie als fossile Brennstoffe eingeführt werden; im Jahre 1960 betrug dieser Anteil 27 Prozent. Einfuhren in diesem Umfang würden sich jedoch nachteilig auf die gesamte Wirtschaft der Europäischen Gemeinschaft auswirken, insbesondere auf die wünschenswerte Sicherheit in der Energieversorgung und auf die Zahlungsbilanz.

In der Bundesrepublik liefert das Kernkraftwerk Kahl (Main) seit Juli 1961 elektrischen Strom in das öffentliche Versorgungsnetz. Im September 1965 wurde auf dem Gelände des Kernforschungszentrums Karlsruhe der Mehrzweckforschungsreaktor kritisch. In Jülich entsteht der Kugelhaufenreaktor der Arbeitsgemeinschaft für Versuchsreaktoren. Das Kernkraftwerk Gundremmingen (Donau) soll im nächsten Jahr in Betrieb genommen werden. Zwei weitere Kernkraftwerke werden in hingen (Ems) und in Obrigheim (Neckar) gebaut. Damit ist das im Deutschen Atomprogramm auf dem Gebiet der erprobten Reaktoren angestrebte Ziel erreicht. In Niederaichbach soll nun ein Kernkraftwerk mit einem fortgeschrittenen Reaktor entstehen.

Alle diese Anlagen wurden und werden mit finanzieller Unterstützung durch die öffentliche Hand gebaut. Inzwischen hat sich aber gezeigt, daß Kernkraftwerke auch in der Bundesrepublik auf wirtschaftlicher Basis Elektrizität erzeugen können. Daher werden die nächsten Kernkraftwerke von den Elektrizitätsversorgungsunternehmen ohne finanzielle Beihilfe durch den Bund gebaut. Mit dem Baubeschluß für ein Kernkraftwerk am Oberrhein mit einer elektrischen Leistung von 600 Megawatt, das die Rheinisch-Westfälische-Elektrizitätswerk AG gemeinsam mit einem schweizerischen Energieversorgungsunternehmen, der Elektrowatt, Zürich, bauen und betreiben will, ist in Kürze zu rechnen. Darüber hinaus wird zur Zeit der Bau von zwei bis drei weiteren großen Kernkraftwerken im norddeutschen Raum und im Rhein-Main-Gebiet diskutiert.

Bei den bereits arbeitenden oder im Bau befindlichen Kernkraftwerken kostet die nuklear erzeugte Kilowattstunde 3,6 bis 4,4 Pfennig; dieser Preis übersteigt die Kosten einer herkömlich erzeugten Kilowattstunde gegenwärtig noch um 10 bis 50 Prozent. Die Kosten für elektrische Energie aus den Kernkraftwerken, die erst in etwa fünf Jahren an ein öffentliches Versorgungsnach angeschlossen werden, betragen dagegen nach den vorliegenden Schätzungen nur rund 2 Pfennig je Kilowattstunde. Es handelt sich dabei um den Strom aus solchen Kraftwerken, mit deren Bau jetzt begonnen wird. Man rechnet im allgemeinen mit Bauzeiten von drei Jahren und einem weiteren Jahr, bis das Kernkraftwerk voll in Betrieb genommen werden kann. Auf Grund von Fortschritten und Erfahrungen im Bau von Kernkraftwerken ist in den darauf folgenden Jahren sogar noch mit einer weiteren Senkung der Kosten für den Atomstrom zu rechnen. So liegen bei amerikanischen Kernkraftwerken die Stromgestehungskosten bereits jetzt zwischen 1,6 und 1,2 Pfennig je Kilowattstunde.