Bei den Benediktinerinnen – Klosterleben heute

Von Waltraut Sdimitz-Bunse

Wenn man mit dem Zug die Rheinstrecke fährt, sieht man oberhalb des Weinstadtchens Rüdesheim ein stattliches Kloster liegen. Ich hatte es schon oft gesehen und war von dem Bild angetan, nicht, weil das Kloster besonders alt, schon gar nicht, weil es besonders schön war, sondern weil es wie eine kleine, fromme Festung im Berg steht; keine romantische Ruine, sondern ein bewohntes Haus: Kloster und Kirche der heiligen Hildegard zu Eibingen.

Als ich die Abtei St. Hildegard dann besuchte, herrschte nebliges Wetter. Das Kloster strahlte, von nahem besehen, keine besonders freundliche Atmosphäre aus. Hatte mich die eher vage Neugierde, dem Leben der hier eingeschlossenen Frauen auf die Spur zu kommen, nicht zu einem recht nutzlosen Ausflug verleitet? Aber ich war schon an der Pforte keineswegs mehr davon überzeugt, ein geistiges Abenteuer zu erleben. Eine sehr alte Nonne begrüßte mich und holte eine Mitschwester herbei. Sie strahlten mich beide an, nahmen mir den Koffer ab und führten mich über eine blank gebohnerte weitläufige Treppe in das Gastzimmer.

Wenn es nicht so neblig gewesen wäre, hätte ich mir das Rheintal anschauen können, und wenn es im Zimmer nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich mich sofort heimisch gefühlt.

Ich fror nicht lange. Es sprach sich herum, daß der Gast nicht an die herben Temperaturen, die in dem riesengroßen Klostergebäude herrschten, gewöhnt war. Man kam mir eilends zu Hilfe mit Stricksachen, heißem Tee und Kognak und mit einem elektrischen Heizofen. Das Gebäude könne nicht den ganzen Tag geheizt werden, erzählte mir die Pfortenschwester, das sei zu teuer.

Ich bekam zu essen, und gegen zwei, als ich gerade überlegte, ob ich nicht diese Besichtigung des Mittelalters durch ein Schläfchen hinauszögern sollte, läuteten die Glocken. Die Glocken läuten sehr oft in der Abtei St. Hildegard, und zwar nicht aus irgendeinem symbolischen Grund. Sie treiben die Nonnen fort von dem, was sie gerade tun, in das Querschiff, das die frommen Frauen durch ein hohes und breites Gitter von den übrigen Leuten trennt. Im 48. Kapitel der Regel des heiligen Benedikt steht geschrieben: „Sobald das Zeichen ertönt, lege man alles aus der Hand und komme in größter Eile herbei, und doch mit dem gebotenen Ernst.“