Auf der ersten Buchseite liest man unter der Vignette mit dem Bildnis des Preußenkönigs Friedrich hinter einem großen Blumenstrauß die Widmung „Adolph Menzel zum hundertfünfzigsten Geburtstag 8. Dezember 1965“. Blumen gebühren auch dem Autor und dem Verleger, daß sie mit einem prächtigen Menzel-Bilderbuch an diesen Tag erinnern, von dem weder die deutschen Museen noch die Zeitungen Notiz genommen haben (Konrad Kaiser: „Adolf Menzel – Der Maler“; Schuler Verlagsgesellschaft, Stuttgart; 131 S. mit 48 Farbtafeln und 12 Zeichnungen, 42,– DM).

Menzels Ruhm ist nicht unbestritten, sein künstlerischer Glanz durch Mißverständnisse verdunkelt. Die einen halten ihn für einen Pedanten, andere für einen Erzreaktionär, in Ostberlin gilt er als progressiver Künstler, sein „Eisenwalzwerk“ hat einen Ehrenplatz in der Nationalgalerie. In Kaisers Einführung werden die Schwierigkeiten und Hemmnisse seines Künstlertums wenigstens angedeutet, soweit sie mit seiner Herkunft zusammenhängen. Die Herkunft aus der väterlichen Lithographenwerkstatt hat ihm den „Zwang zur Detailarbeit“ beigebracht, der auch später „oft wieder zum Durchbruch kommt, nicht gerade zum Nutzen“.

Noch gravierender ist seine preußische Herkunft. Nicht Menzels thematische Vorliebe für Preußens Glanz und Gloria ist das eigentliche Ärgernis, sondern sein preußisches Mißtrauen gegen alles, was leicht von der Hand geht, gegen die eigene Genialität. Kunst, sagt Menzel, muß „durch unverdrossene Leistung“ Zustandekommen. Und so hat er, man weiß es, die mit leichter Hand gemalten Bilder, die hinreißend schönen Skizzen, den Blick ins Balkonzimmer, aus dem Fenster, die Landschaftsstudien als beiläufige „Exerzitien“ in die Ecke gestellt und in seinem Atelier versteckt.

Das Menzel-Buch bringt sie in einer vorzüglichen Auswahl, zwischen den Historienbildern und den wundervollen Hofgesellschaften. Der Realist Menzel hat im „Ballsouper“ von 1878 (das Bild wurde von Degas kopiert) und im „Weißen Saal“ von 1888 den ganzen deutschen Impressionismus vorweggenommen und übertroffen.

Aus dem gleichen Jahr 1888, dem Drei-Kaiser-Jahr, datiert die abgebildete Gouache „Beati Possidentes“. Maltechnisch, schreibt Konrad Kaiser, gehöre das Bild zum Virtuosesten, was je von Menzels Hand entstand. Außerdem ist es die schönste Satire auf die Gründerjahre, die wir besitzen. Der Bauherr, behäbig bürgerlich und glückselig am Arm der Gattin vor der neuen Villa, die Anstreicher streichen die Säulen pompejanisch rot, der Kunstmaler koloriert, abgelenkt von der Heringsschüssel, das Haupt der Medusa. Fontane könnte das entworfen, haben. Menzel gehört in der Tat, und nicht nur wegen seiner satirischen Neigungen, in die Nachbarschaft Fontanes. Gottfried Sello