Von Kai Hermann

Dietrich D. fuhr im vergangenen Sommer nach Bulgarien. Er benutzte – wie viele junge Deutsche – seinen Urlaub nicht zum erstenmal, um seine in der DDR lebende Braut zu sehen. Im Gepäck hatte D. einen zweiten Paß mit dem Bild seiner Verlobten und fremdem Namen. Außerdem Linoleum, Messer, Reispapier und Indigo. Mit selbstgefertigten Stempeln kopierte er bulgarische Sichtvermerke in den fremden Paß und fälschte eine Grenzkontrollkarte. Mit den falschen Papieren wollte er seine Braut in die Bundesrepublik bringen. Der dilettantische Fluchtversuch scheiterte jedoch an der bulgarischen Grenzkontrolle. Der tollkühne Täuschungsversuch brachte das Paar in das Gefängnis des Staatssicherheitsdienstes in Sofia, nicht in die Freiheit.

D. und seine Verlobte erwartete nach bulgarischem Gesetz eine Haftstrafe von drei bis zehn Jahren Gefängnis und eine Geldstrafe bis 40 000 Mark – wegen versuchten illegalen Grenzübertritts und Urkundenfälschung. Ihnen drohte zudem die von Ostberlin geforderte Auslieferung an die DDR.

Der junge Fluchthelfer ist jedoch bereits wieder in der Bundesrepublik. Seine Braut sitzt in einem ostdeutschen Gefängnis. Das bulgarische Gericht blieb weit unter der gesetzlichen Mindeststrafe, es billigte den Angeklagten mildernde Umstände zu. Für die Richter in Sofia war das Vergehen ein menschliches Problem, kein kriminelles Delikt – und schon gar kein Politikum.

Schon die Anklageschrift verzichtete auf politische Rhetorik und schloß mit der Feststellung: „Beide Angeklagte gestehen ihre Schuld und erklären, daß sie das Erwähnte gemacht haben, um zusammen zu sein, da sie schon verlobt waren.“ Das Gericht schloß sich schließlich weithin den Ausführungen der Verteidigung an. „Es leitete die Verhandlung in einer Weise, daß von offener oder versteckter politischer Propaganda überhaupt nicht, von Motiven und Erklärungen der Verhafteten, wie etwa dem Wunsch nach Familienzusammenführung, um so mehr die Rede war.“ Der das feststellte, ist Rechtsanwalt in Hamburg: Dr. Rudolf Poschar. Er spricht nicht nur über den Fall D. Seit drei Jahren betreut er Deutsche, die in Bulgarien wegen versuchter Flucht oder Fluchthilfe verurteilt wurden.

Im Januar 1963 fuhr der couragierte Anwalt zum erstenmal nach Sofia – nachdrückliche Warnungen aus Bonn in den Wind schlagend. Die Eltern eines Hamburger Studienrats, der unter der Anklage der Fluchthilfe stand, hatten sich an ihn gewandt. Mit einem Touristenvisum kam Poschar nach Bulgarien. Er nahm an der Gerichtsverhandlung teil, erhielt als Beobachter das Wort und erlebte die Freilassung des Studienrats. Mit dem Hamburger Lehrer wurden zehn andere Deutsche, die als Fluchthelfer verurteilt worden waren, aus der Haft entlassen.

Größere Schwierigkeiten standen Poschar dann freilich noch bevor. Er brauchte Geld, um den Flug der Freigelassenen in die Bundesrepublik zu bezahlen. Das Auswärtige Amt in Bonn, das er um Hilfe bat, weigerte sich damals, die Summe für die Flugtickets vorzuschießen. Der Anwalt legte den Betrag schließlich selbst aus.