Von Karl Otto Conrady

Der Essay ist das Organ eines Schreibens, das nicht Resultat, sondern Prozeß sein will, genau wie das Denken, das hier schreibend zur Selbstentfaltung kommt. Dieser Satz, mit dem Hugo Friedrich gegen Schluß seines Buches über Montaigne die Gesamtcharakterisierung der „Essais“ von 1580 einleitet, gilt nicht nur für die Prosastücke dieses skeptischen Denkers, sondern für die Kunstform des Essays überhaupt. Wie sehr auch die künstlerische Präzision der Formulierung im einzelnen und die formale Rundung im ganzen ihn auszeichnen (und auszeichnen müssen), so wenig ist das in ihm in Gang gebrachte Denken abgeschlossen oder auch nur darauf angelegt, alles Erwähnte zu abschließenden Resultaten zu führen. Dein Vorgang des Denkens nimmt der Schreibende in den Ablauf seiner formbewußten Prosa hinein, ja das. Schreiben selbst ist Prozeß des Denkens, in dem komplexe Zusammenhänge oft blitzartig erhellt werden.

Wir tun uns im Deutschen nicht eben leicht mit dieser Gattung. Denn sie fordert ebensosehr die Schärfe des Intellekts wie die Genauigkeit der Beobachtung und nicht zuletzt die abzirkelnde Klarheit eines sorgsam kalkulierenden Kunstverstandes. Was sich jedoch in der hier zu besprechenden Sammlung bescheiden „Aufsatz“ nennt, hält solchen Ansprüchen sehr wohl stand –

Alfred Andersch: „Die Blindheit des Kunstwerks und andere Aufsätze“; edition suhrkamp 133, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 145 S., 3,– DM.

Das Bändchen vereinigt mancherlei (leider sind die früheren Erscheinungsorte nicht genannt): Artikel zu politischen Anlässen (1914; Budapest 1956), Auseinandersetzungen mit Grundfragen der Kunst, Stellungnahmen zu Problemen des Films und des Fernsehens, Besprechungen einiger Bücher, einen konzisen Essay über Thomas Mann als Politiker. Aber allen Aufsätzen ist gemeinsam: das Schreiben funktioniert als Prozeß eines kritischen Denkens, das die Bewußtseinsklärung des Menschen als eines gesellschaftlichen Wesens voranzutreiben und Ort und Aufgaben der Kunst zu bestimmen trachtet.

Dieses Denken sieht nicht ab von der geschichtlichen Situation, der wir ausgesetzt sind: „Mit den Gaskammern und der Atombombe sind archimedische Punkte im Nachdenken der Menschheit gebildet worden, von denen aus sich eine Drehung seines Bewußtseins vollziehen wird, wenn nicht um 180 Grad, so doch um einen Winkel, der ausreichen muß, eine Wendung zu machen, die mit der Notwendigkeit identisch ist“ (Seite 86). Nur im Bewußtsein dieser Lage kann auch das einzelne durchdacht werden.

Zum anderen verfährt dieses Denken konsequent dialektisch (und zeigt eindrucksvoll, daß kritisches Denken heute, wenn es ernstgenommen sein will, nur dialektisch operieren kann): Es beruhigt sich nicht an der Oberfläche der Erscheinungen, nicht an den durch Gewöhnung, Vorurteil und partikulare Interessen verfestigten Tabus, sondern deckt Widersprüche auf, in denen der einzelne und die Gesellschaft befangen sind, durchleuchtet die Tabus auf ihre Gründe und Auswirkungen hin, und erst die Erkenntnis der Widersprüche liefert die Möglichkeit, die eigene Lage und das, was zu tun ist, zu bestimmen.