Von Ben Witter

Hamburg

Zu Delmenhorst, und kurz darauf im Gefängnislazarett Lingen, begann am 3. Januar ein neues Kapitel in der bundesrepublikanischen Kriminalgeschichte: Der 51 Jahre alte Polizeimeister Hugo Alffcke aus Hamburg-Bergedorf, der bei dem Überfall auf die Oldenburgische Landesbank rechtzeitig vom Kassenpersonal überwältigt worden war, verblüffte – durch Mullbinden und Leukoplast halb vermummt – die vernehmenden Kriminalbeamten, indem er immer neue Geständnisse ablegte.

Insgesamt zehn vollendete Kasseneinbrüche und einen versuchten Banküberfall in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, dazu acht Einbrüche in Juweliergeschäften sowie einige Autodiebstähle hatte er bis zum letzten Wochenende bereitwillig zugegeben.

Von Anfang an brannte der Leiter des Hamburger Raubdezernates, Kriminalobermeister Räther, darauf, Alffcke in Lingen gegenüberzutreten; doch erst am Freitag wurde er mit einem Begleiter in Marsch gesetzt. (Schließlich waren die Straftaten nicht auf hamburgischem Gebiet verübt worden und außerdem soll es eine Spesenfrage gewesen sein.) Womöglich war Alffcke auch jener berüchtigte Bankräuber, von der Lokalpresse „Spitznase“ getauft, der bei seinen Überfällen rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch machte und in ähnlicher Maskierung wie der mittlerweile dienstenthobene Polizeimeister auftrat. Spitznase war von denselben Blättern allerdings längst als tot gemeldet worden; er sollte nämlich bei einer Schatzsuche im österreichischen Mondsee ertrunken sein. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“, meldeten die Abgesandten des Hamburger Polizeipräsidenten, „ist Alffcke mit ‚Spitznase‘ nicht identisch.“ Aus den Waffen, die er mit sich führte, einer gestohlenen Pistole und seiner eigenen Dienstpistole, das stellte sich bald danach heraus, war kein Schuß abgegeben worden.

Im Polizeipräsidium am Berliner Tor, einem Gebäude wie ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, nur schmaler und höher, jedoch genauso schmutzig grau und mit oft reparaturbedürftigen Entlüftungsanlagen, blickt man überall in verstörte Gesichter. Auf den Akten liegen Tageszeitungen mit den neuesten Meldungen aus Lingen, und in den Räumen der Presseabteilung drängen sich Berichterstatter aus dem ganzen Bundesgebiet. Der drahtige Chef dieser Abteilung, Kriminalrat Valentin, zuweilen Fachberater des Krimi-Regisseurs Jürgen Roland, in dezenten Twen-Hosen und in die Stirn gekämmten Haaren, sonst ein schlagfertiger Gesprächspartner, sucht mühsam nach den richtigen Worten. (Einen Fall Alffcke hat es noch in keinem deutschen Kriminalfilm gegeben, doch in Kürze werden wir ihn bestimmt haben.)

Manche der Journalisten waren genauso sprachlos und nicht wenig überrascht, als sie plötzlich in einer Hamburger Zeitung lasen, Beamte des Raubdezernates hätten im August vergangenen Jahres ernsthaft erörtert, ob als Täter der Banküberfälle nicht ein Polizist oder Journalist in Betracht käme: Es muß sich um einen Einzeltäter handeln, der kaum Spuren hinterließ, den Polizeifunk mithören konnte und mit verblüffender Raffinesse und Geistesgegenwart ans Werk ging.