Die Einstellung eines Verfahrens, das die Flensburger Staatsanwaltschaft gegen den Vizeadmiral a. D. Bernhard Rogge eingeleitet hatte, brachte eine Sache zum Abschluß, die besonders in Kreisen der Marine größtes Aufsehen hervorgerufen hat. Diesen Kreisen gehört unser Mitarbeiter Dr. Ulrich Mohr insoweit an, als er Adjutant Rogges an Bord der „Atlantis“ war, des Schiffes, das die längste Kaperfahrt der Seekriegsgeschichte machte. Jetzt gehört er zu den Journalisten, denen der Justizminister des Landes Schleswig-Holstein, Leverenz, den „Fall Rogge“ kommentierte.

Folgender Tatbestand: Am 5. und 11. Mai 1945, also drei Tage vor beziehungsweise nach der Gesamtkapitulation, verurteilte in Flensburg ein Kriegsgericht zunächst drei, dann einen weiteren Soldaten, die durch Befehlsverweigerung und schwere Sabotage das Auslaufen von Kriegsschiffen verhindert hatten, zum Tode. Diese Kriegsschiffe sollten im Osten Flüchtlinge evakuieren. Rogge bestätigte die Urteile; sie wurden vollstreckt.

Zwanzig Jahre danach ergaben sich öffentliche Diskussionen im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen Rogge, die – gelinde gesagt – recht ungereimt waren. Die Ungereimtheiten fingen damit an, daß immer nur von Rogge gesprochen wurde, nicht aber von den Richtern des Kriegsgerichts (unter denen auch Juristen waren). Sie wurden fortgesetzt damit, daß es in der langen Stellungnahme des Ministers Leverenz hieß, Rogge habe „Auflösungserscheinungen entgegentreten und Disziplin und Ordnung aufrecht erhalten“ wollen. Ein solcher Satz hat einen üblen Beigeschmack, da jeder SS-Mann, der damals Soldaten an Bäume knüpfte, dieselbe Begründung heute in Anspruch nimmt, um sich zu entlasten. Kein Wort darüber, daß dies gerade nicht zur Entlastung Rogges dienen konnte, sondern allein die Tatsache, daß ein einziger, durch Sabotage stillgelegter Zerstörer bei einer einzigen Fahrt über 1500 Flüchtlinge retten konnte. Für Rogge stellte sich das Problem in jenen, heute für uns unbegreiflich gewordenen Tagen des Zusammenbruchs als ein makabres Rechenexempel: Drei oder vier aus Feigheit meuternde Matrosen gegen drei- oder viertausend Menschen, die am Strande Ostpreußens oder Mecklenburgs auf Rettung warteten, Soldaten und Nichtsoldaten. Die Geschichte hat ihm zu allem Überfluß in grausiger Weise Recht gegeben: Rund die Hälfte der nicht geretteten Menschen kam später elend um.

Es lag immer auf der Hand, daß Rogge juristisch nämlich, nach dem allein anwendbaren § 211 StGB, nicht belangt werden konnte. Er ist unwiderlegt der zuständige Gerichtsherr gewesen, und der Verdacht einer Tötung aus niedrigen Beweggründen war absurd. Berechtigt war dagegen die Frage, ob sich Rogge in moralischen Kategorien schuldig gemacht hat. Will man sein schreckliches Dilemma nicht anerkennen, so muß die Antwort sein: Ja. Erkennt man es aber an, so darf man keinen Stein auf ihn werfen: Er muß vor sich selbst und seinem Gewissen mit seiner Entscheidung fertig werden, heute und alle Tage. In seiner abschließenden Betrachtung des Einstellungsbeschlusses hätte der Justizminister dieses Problem mindestens andeuten müssen; die Entscheidungsgründe des damaligen Kriegsgerichts und des Gerichtsherren hätte er nicht einfach unterschlagen dürfen. Minister Leverenz, der selbst als Kriegsrichter in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten tätig war, hätte die Worte dafür finden müssen.

Rogge war immer ein Offizier, der Verantwortung fühlte und daher menschlich reagierte. Selbst seine damaligen Kriegsgegner haben dies uneingeschränkt anerkannt. Er suchte stets nach der menschlichen Lösung eines Problems, wie zwei Entscheidungen beweisen, die er während des Krieges traf. Die eine betraf einen Matrosen, der an Bord des Hilfskreuzers „Atlantis“, dessen Kommandant Rogge war, nach langer Feindfahrt die Nerven verloren hatte und zum „Schlußmachen“ aufzuwiegeln suchte. Er hatte kein Echo, und Rogge stellte ihn nicht vor ein Kriegsgericht, das keine andere Wahl gehabt hätte, als ihn zum Tode zu verurteilen, sondern steckte ihn ins Schiffslazarett. Der zweite Fall betraf einen während der letzten Kriegstage auf dem Segelschulschiff „Horst Wessel“ meuternden Unteroffizier. Auch er wurde nicht erschossen, da das Segelschiff nicht mehr sinnvoll, das heißt zur Evakuierung aus dem Osten, eingesetzt werden konnte.

Es bleibt die Frage, warum Rogge dann dem Gnadengesuch des Matrosen Süß nicht entsprochen hat. Die Antwort ist, daß er dieses Gnadengesuch aus ungeklärtem Grunde nie zu Gesicht bekam.

Es ist begreiflich, daß die mit dem Verfahren verbundene Diffamierung den Vizeadmiral Rogge seelisch auf das schwerste bedrückt, ganz abgesehen davon, daß quälende Zweifel, die jede Entscheidung über Tod und Leben mit sich bringen, ihm wohl mehr zugesetzt haben als vielen heutigen Richtern, die in der NS-Zeit „Recht“ sprachen. Dies muß auch wohl so sein. Denn eben das ist der Preis, den ein militärischer Führer für Rang und Würde zu zahlen hat. Es mag jedoch dahingestellt sein, ob es notwendig war, Rogge genau an dem Tage, an dem er als Ehrengast der Stadt Kiel zur „Kieler Woche“ eintraf, mit dem Verfahren zu konfrontieren, das jetzt eingestellt werden mußte. Es war Justizminister Leverenz, der damals die Anschuldigung vertrat.