J. P. R., Winsen an der Luhe

Stöckte ist ein langgestrecktes Dorf, das durch einen Deich gekennzeichnet wird. Der Deich beginnt bei Winsen und läuft parallel zur Luhe, dann zur Ilmenau und schließlich zur Elbe. Obwohl sie den „Stöckter Hafen“ haben, der Zutritt zur Elbe bietet, sind die Stöckter eine seßhafte Bevölkerung. Sie treiben Gemüse- und Gartenbau, auch etwas Milchwirtschaft. Und weil sie gelegentlich ihrem humorigen Temperament die Zügel schießen lassen, hatten sie jetzt mit dem Gericht zu tun.

Was den Kölnern die Fastnacht, den Münchenern der Fasching ist, das ist den Stöcktern der Faslam. Aus diesem Anlaß bewegt sich über den Deich ein Zug von Ackerwagen und Treckern, jedes Gefährt eine bunte und aggressive Schaubude. Alles, was einem nicht gepaßt hat das lange arbeitsreiche Jahr über, wird „auf die Schippe“ genommen.

Auch die Kreisstadt Winsen kriegt dabei meist ihr Teil ab. Und so hatten im Februar 1965 zwei neunzehnjährige Landwirtssöhne einen Winsener Bürger aufs Korn genommen, der mit einem Einwohner aus Stöckte in Streit geraten war. Folgendes hatte sich zugetragen: Die beiden Männer saßen in einem Stöckter Gasthaus, als es dem Einheimischen in den Sinn kam, den Auswärtigen mit „Schiet-Buchtmann“ anzureden. Dieser aber stellte sich auf den Standpunkt, sein Name laute Buchtmann und keine Silbe mehr. Stracks ging er zum – Vorsicht! – Schiedsmann, brachte ein Sühneverfahren in Gang und erreichte, daß sich der Stöckter bei ihm entschuldigen mußte.

Diese Begebenheiten kamen den Neunzehnjährigen zu Ohren, und zwar nicht allein in ihren juristischen Aspekten, sondern auch in ihren familiengeschichtlichen Zusammenhängen. Der Großvater, der Vater und die Schwester des Winsener Bürgers, so hörten sie von Ortskundigen, hätten sich drüben im Städtlein um die Fäkalienabfuhr verdient gemacht; und ob dieses nützlichen Tuns habe der Winsener Volksmund der betreffenden Familie besagte Silbe vor den Namen gesetzt.

Diese Anrede, die den Schiedsmann hatte beschäftigen müssen, könne unmöglich als Beleidigung interpretiert werden, befanden die jungen Männer und hatten schon eine Idee für ihren Faslamswagen: Sie beluden einen zweirädrigen Anhänger mit Mist. Der eine von ihnen lenkte die vorgespannte Zugmaschine, der andere nahm mitten im Mist Platz und lamentierte für die Zuschauer am Deichrand: „Nein, Schiet-Buchtmann bin ich nicht!“ Denselben Ausspruch konnte man an beiden Wagenseiten lesen.

Der gemeinte Winsener Bürger glaubte abermals Justitia bemühen zu müssen. Diesmal trat er als Privatkläger beim Winsener Amtsgericht hervor. Der Jugendrichter – denn zur Faslamszeit waren die Beschuldigten erst achtzehn gewesen – sollte es den beiden einmal ordentlich geben! Seitdem schweiften die Blicke von Stöckte zum Turm des Winsener Schlosses hinüber, wo das Gericht tagt, ja mehr als das: Die Stöckter Faslamsbrüder beschlossen, sich vereinsmäßig zu organisieren, und bereits auf ihrer Gründungsversammlung brachten sie die über zwei der Ihren hängende Privatklage zur Sprache. „Wenn sich gleich jeder auf den Schlips getreten fühlt“, ärgerten sie sich einstimmig, „dann können wir nie wieder einen Faslamsumzug veranstalten.“