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Frankreich in dieser Hinsicht weit zurück. Unter den 50 größten Unternehmen der Welt befindet sich kein einziges französisches, der Chemiekonzern Rhône-Poulenc steht als Frankreichs Spitzenreiter erst auf Platz 68 in der Rangliste der Weltfirmen. Pierre Massé, Chef der französischen Wirtschaftsplanung: „Die Größe unserer Unternehmen entspricht nicht mehr den Erfordernissen der nationalen Unabhängigkeit und des internationalen Wettbewerbs.“

Der fünfte Wirtschaftsplan, der von 1966 bis 1970 gilt, ist denn auch ganz dem Ziel untergeordnet, die französischen Unternehmer zu Für sionen zu ermuntern und nötigenfalls zu zwingen. In jeder wichtigen Branche, so schwebt den Planern vor, sollen durch Fusionen oder Aufkäufe ein oder allenfalls zwei Unternehmen von internationalen Dimensionen gebildet werden. Diese Konzerne müßten in der Kapitalausstattung und dem know how den deutschen und britischen Weltfirmen ebenbürtig sein und dürften ihren amerikanischen Konkurrenten nicht zu weit nachstehen.

So läuft gegenwärtig eine Welle von Fusionen über Frankreich hinweg, und täglich tauchen Gerüchte über neue Firmenzusammenschlüsse auf.

in der Stahlindustrie sind die Konzerne Denain-Nord-Est und Lorraine-Escaut eine enge Bindung eingegangen, in der Elektroindustrie ist durch die Fusion der Cie Française Thomson-Houston und der Société Hotchkiss-Brandt ein neues Großunternehmen entstanden. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren: In der Aluminiumindustrie, bei Hüttenwerken, bei Kaufhäusern und Brauereien – überall wird Konzentration groß geschrieben. Die Regierung hilft mit mehr oder weniger sanftem Druck nach: Im fünften Plan ist ausdrücklich die Möglichkeit vorgesehen, „zur Fusion ausgewählten“ Unternehmen Kredite zu drosseln oder ganz zu sperren, wenn sie sich der Verbindung mit einer anderen Firma oder dem Aufkauf widersetzen.

Also noch mehr Dirigismus? Zweifellos wird der Staat seine Machtmittel einsetzen, um seine wirtschaftspolitischen Ziele zu verwirklichen. Aber alle Mystifizierung der Planifikation, wie sie etwa Pierre Masse in seinem neuen Buch („Le plan ou l’anti-hasard“, Gallimard) versucht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die französische Wirtschaftslenkung mehr und mehr zu einem Instrument von Pragmatikern geworden ist. Giscard d’Estaing sah wie viele jüngere französische Nationalökonomen die Wirtschaftsform der Zukunft in einer Synthese von staatlicher Rahmenplanung und unternehmerischem Wettbewerb. Eine unmittelbare Kontrolle einzelner Unternehmen durch den Staat oder gar die Sozialisierung ganzer Branchen ist in diesem System nicht notwendig, nicht einmal wünschenswert.

Giscard d’Estaing war denn auch konsequent genug, die Reprivatisierung von Staatsbetrieben anzustreben. Ein Beispiel dafür sind die Pläne zur Bildung eines international konkurrenzfähigen französischen Autokonzerns, die von der Regierung in Paris gefördert werden. Hartnäckig halten sich Gerüchte, daß eine zumindest teilweise Reprivatisierung der von de Gaulle selbst nach Kriegsende verstaatlichten Renault-Werke vorgesehen ist – um die Voraussetzung für eine Verbindung dieser größten Automobilfabrik Frankreichs mit den beiden anderen Produzenten Citroën und Peugeot zu schaffen. Sogar eine Privatisierung der staatlichen Großbanken wurde erwogen.