Leonard Schapiro: Die Verfassung der Sowjetunion. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 212 S., 14,80 DM.

Vor drei Jahren erschien vom gleichen Verfasser eine ausführliche und trotz aller Wissenschaftlichkeit geradezu spannend geschriebene Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die inzwischen einen festen Platz in der bildungspolitischen Literatur unserer Tage einnimmt. Professor Schapiro wurde in England geboren, verbrachte seine Kindheit aber in Rußland. Seit über zehn Jahren ist er akademischer Lehrer an der London Schoole of Economics und political Science, wo er sich als Kenner des sowjetischen Regierungssystems einen Namen gemacht hat. Wenn auch sein neues Buch an Umfang, Dichte und Intention nicht seinem Standardwerk über die Geschichte der Kommunistischen Partei gleichzusetzen ist, so darf man dennoch feststellen, daß dem Autor hier wiederum mit glücklicher Hand eine leicht faßliche, aber deshalb keineswegs oberflächliche Studie geglückt ist, die den Leser in knapper Form und mit manchen Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit durchsetzt, in die Schwierigkeiten einer sinnvollen Ausdeutung der Sowjet-Verfassung einführt, die Stalin 1936 entworfen hatte.

Er warnt vor den Fallgruben, die auf denjenigen warten, der sich mit dem Mechanismus des sowjetischen Regierungssystems beschäftigt. Schon die Quellen sind zum Teil fragwürdig, es gibt kaum Memoiren oder Biographien, und wenn sie vorhanden sind, blieben sie tendenziös, oder sie wurden mehrmals umgeschrieben. Schließlich bestehen gerade in der Sowjetunion beträchtliche Unterschiede zwischen der Verfassungsidee und der Verfassungswirklichkeit, wie sie sich während und nach der Stalin-Ära entwickelt hat, inmitten von Diadochenkämpfen, wechselnden Machtgruppen und einem unterschiedlichen Gewicht von Theorie und Ideologie.

Schapiro behandelt die Ursprünge des Bolschewismus in Rußland, die er ausschließlich als eine zunächst intellektuelle, später dann auch massensoziale Bewegung versteht. Weitere Kapitel widmen sich der Revolution, der Kommunistischen Partei, der Verfassung (die oft ergänzt und geändert wurde und die durch eine neue Verfassung ersetzt werden soll), dem Verwaltungs- und Wahlsystem der Zentralregierung, den Regionalregierungen und den Kontrollorganen. Es gehört zu den Delikatessen der sowjetischen Verfassungs- und Regierungswirklichkeit, daß selbst ein so ausgezeichneter Kenner wie Schapiro seiner lehrreichen Studie ein Nachwort beifügen mußte, das durch den Sturz Chruschtschows notwendig geworden war. In wenigen Zeilen muß er davon berichten, daß seit der Niederschrift seines Manuskriptes bereits eine Reorganisation der Partei rückgängig gemacht wurde, während neue Instanzen zur Durchführung der neuen, freilich nur scheinbar und bestenfalls experimentell liberalen Wirtschaftspläne geschaffen wurden. Inzwischen wurde ja auch schon wieder eine neue Zentralisierung in 27 Moskauer Industrieministerien verkündet, als wolle sich die Gigantomanie der dreißiger Jahre noch einmal wiederholen.

Fast fünfzig Jahre nach der Oktoberrevolution von 1917 drängt sich dem Leser die Frage auf, ob es gewisse Gesetz- oder Regelmäßigkeiten gibt zwischen Generationswechsel, Elitebildung und politischer Machtverteilung, wobei die geschriebene Verfassung nahezu zur abhängigen Größe der gesellschaftlichen Entwicklung herabsinkt. Man möchte wünschen, daß der Autor dieses für die bildungspolitische Gruppenarbeit recht nützlichen Buches, seine Forschungen nun auf diese und ähnliche Fragen konzentriert. Ein halbes Jahrhundert Geschichte der Sowjetunion fordert doch geradezu heraus, den Gehalt und die Richtigkeit jener soziologischen Staats- und Machttheorien zu überprüfen, die zu Anfang des Jahrhunderts von Sorel, Pareto oder Spengler einem verschreckten Publikum angeboten wurden.

Was ist unter dem Einfluß der harten Wirklichkeit und der folgerichtigen Abläufen gesellschaftlichen Entwicklung geblieben vom Rhythmus der Eliten, vom Einfluß des Generationszyklus (Schumpeter) oder von der Herrschaft des Geldes und der Ideologie? Wo liegt gleichsam der spirituelle Gehalt der russischen Revolution für das übrige Europa, das sich, entgegen Lenins Hoffnungen, dem revolutionären Aufstand nicht anschloß?

Kaum ein anderer als Leonard Schapiro könnte diese Fragen aufgreifen und nach einer lückenlosen und imponierenden Darstellung der facts eine übergreifende Darstellung und Deutung des intellektuellen und psychosozialen Gewichtes der jüngsten russischen Geschichte für die übrige Welt versuchen; gewiß ein wagemutiges Unternehmen, das aber, ebenso weit von Kreml-Astrologie und einer bloßen historischen Aufbereitung eines differenzierten Stoffes entfernt, zu einer Darstellung führen würde, die vor allem die Jüngeren unter uns zu erwarten scheinen, weil ihnen Regierung und Politik in Rußland ungeprüft als mehr erscheint denn als bloßes Ränkespiel um die Macht zwischen wechselnden Auffassungen über Legalität und Legitimität der Verfassung. Lutz Köllner