Das Gerede um die Große Koalition verstummt

Man spürt Rainer Barzels Meisterhand. Wieder einmal hat der Fraktionsvorsitzende der Christlichen Demokraten seine Partei davor bewahrt, das Opfer innerer Streitigkeiten zu werden. Wochenlang hat er zugesehen, besorgt zwar, aber nach außen hin doch schweigend, als die Gefahr heraufzog. Dann handelte er schnell und entschlossen.

Wenn die Öffentlichkeit noch lange hätte mitanhören müssen, wie angesehene Männer der Partei eine neue Regierung forderten – wenige Monate nach einem triumphalen Wahlsieg, so wäre der Verlust an Ansehen und Glaubwürdigkeit für die Partei nicht aufzuhalten gewesen. Wieder, wie bei dem Streit zwischen „Atlantikern“ und „Gaullisten“, griff Barzel ein, freundlich, ermahnend, beschwörend, in der Sache fest. Wieder hatte er Erfolg, wieder ist die Einigkeit hergestellt, wenigstens nach außen hin. Der Fraktionsvorstand hat sich einstimmig gegen die Große und für die Kleine Koalition ausgesprochen. Selbst Wortführer der Großen Koalition beugten sich der Forderung nach Geschlossenheit. Die Krise ist – vorläufig – beendet. Der Sieger in dem Streite heißt nicht Erhard, sondern Barzel.

Aber ebenso wie der Streit um die Außenpolitik innerhalb der Fraktion immer wieder aufbricht, so wird auch das Gefecht zwischen Anhängern und Gegnern der Großen Koalition weitergehen, lange Zeit unterirdisch und eines Tages wieder offen. Zu hart sind die sachlichen Gegensätze, zu bitter die persönlichen Feindschaften.

Auf den ersten Blick erscheint es kein schlechter Gedanke zu sein, die Opposition in die Regierung aufzunehmen. Man braucht nicht Sozialdemokrat zu sein, um Beklemmung zu empfinden angesichts der Tatsache, daß eine große staatstreue Partei, hinter der die Mehrheit der deutschen Arbeiter steht, für weitere Jahre von der Regierungsverantwortung ausgeschlossen werden soll. Wer die lebendige Anteilnahme aller Schichten an dem Geschehen des Staates wünscht, wird den Gedanken sorgfältig erwägen, ob es nicht ein Segen für die Bundesrepublik wäre, wenn die Sozialdemokratische Partei in Bonn zur Mitführung der Staatsgeschäfte eingeladen würde. Vielleicht lohnte es sich wirklich, dafür die bekannten Nachteile einer Regierungsmannschaft der beiden großen Parteien in Kauf zu nehmen und sich mit dem Verlöschen des letzten Restes von Opposition im Parlament abzufinden.

Träumer des Kalten Krieges

Und wichtiger noch könnten die außenpolitischen Notwendigkeiten erscheinen. Die Bundesrepublik aus der einseitigen Stellung zu befreien, in die sie geraten ist, wird in den nächsten Jahren das wichtigste Ziel unserer Außenpolitik sein müssen. Je länger die Gespräche mit dem Osten aufgeschoben werden, um so schwieriger werden sie zu führen sein. Aber zu viele Politiker zögern, den ohnehin behutsamen Schritten des Außenministers zu folgen, weil sie heimgesucht sind von der Furcht, die Weimarer Zeit werde wiederkehren: Wer mit dem Osten zu sprechen anfange, werde bald von der gegnerischen Partei des mangelnden Nationalgefühls, des fahrlässigen Landesverrats angeklagt werden. Daß die Enthüllung der wahren Stellung der Bundesrepublik manche liebgewordene Illusion zerstören und manchen Traum beenden würde, das flüstert einem hinter der vorgehaltenen Hand mehr als ein nachdenklicher, aber ängstlicher Politiker zu. Schmerzliche Erkenntnisse offen auszusprechen, dazu wäre mancher eher bereit, wenn er aus der Nachbarpartei nicht erbitterte Schmähungen, sondern ermunternde Zurufe hörte.