Lal Bahadur Shastri gehörte zu jenen Menschen, die mit ihren höheren Zwecken wachsen. Als Parteifunktionär hatte er seine Laufbahn begonnen, unscheinbar und unaufdringlich – ein Mann, der vor allem ob seiner Gabe, Kompromisse zu ersinnen, und ob seines Talents, zwischen feindlichen Fraktionen zu schlichten, geschätzt war. Als Staatsmann ist er gestorben, auch zuletzt noch beispielhaft bescheiden bis zur Selbstentäußerung, aber längst ein Mann, der die Welt davon überzeugt hatte, daß seine schmächtige Gestalt einen Kern von großer Härte und Zähigkeit barg.

Er hatte diese Härte oft genug gezeigt: Als er, nach der Explosion der ersten chinesischen Atombombe, dem Drängen widerstand, auch Indien auf den Weg zur Entwicklung nuklearer Waffen zu lenken; als er die unpopuläre Entscheidung traf, eine große Zahl von Tamils aus Ceylon zu repatriieren, um das Verhältnis zu dem kleinen Nachbarn zu verbessern; als er trotz vieler Kritik die Friedensgespräche mit den aufständischen Nagas nicht abreißen ließ.

Freilich: der aufbrandenen Welle des indischen Nationalismus vermochte Shastri nicht immer zu widerstehen. In der Kaschmir-Frage hat er sich im vergangenen Sommer von pakistanischen Freischärlern zum Krieg provozieren lassen, zum Jubel der Nationalisten im eigenen Lande. Die Rolle des Kriegsherrn war ihm jedoch ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben. Sein Tod in Taschkent erst rückte die damals verschobenen Linien in Shastris Bild wieder zurecht. Er starb im Gewand des Friedensstifters, wie prekär auch der in der usbekischen Hauptstadt umrissene Frieden vorerst bleiben mag.

Shastri wird seinem Lande fehlen, gerade jetzt. Indiens Horizont ist von Krisen verdüstert. China drückt wieder auf die Gebirgsgrenze des Subkontinents; die Aufrüstung verschlingt enorme Summen; das malthusianische Gespenst geht um – jedes Jahr 10 Millionen Inder mehr, bei jetzt schon fast 500 Millionen; eine Dürre hat die größte Hungersnot seit Menschengedenken angekündigt, nur gewaltige Weizenlieferungen können das Schlimmste abwenden. Die Nachfolgefrage ist ungelöst.

Shastri hat, nachdem er im Mai 1964 an die Stelle Nehrus getreten war, die von vielen befürchteten Schwierigkeiten des Übergangs geschickt überspielt. Er lieferte den Beweis, daß Indien, dieser zusammengewürfelte Staat aus tausend Farben, Zungen und Fraktionen, als Nation von Bestand ist und Zukunft hat. Er war mehr als Nehrus Testamentsvollstrecker. Aber die eigentliche politische Ablösung der Ghandi-Generation durch junge Führungskräfte steht Indien erst noch bevor. Th. S.