Von George F. Kennan

Unsere Gegner in Vietnam sind Leute, mit deren Wünschen und Zielen niemand in Amerika auch nur die leiseste Sympathie zu haben braucht. Ließe man zu, daß sie ihren Willen durchsetzen, so würden sie jedem Gebiet, das in ihre Gewalt geriete, eine rücksichtslose Diktatur aufzwingen – und die Erfahrung der anderen kommunistischen Länder (wenn man von Jugoslawien einmal absieht) läßt nicht darauf schließen, daß die kommunistische Machtübernahme wirtschaftliche oder soziale Vorteile bringen würde, welche den Verlust der Freiheit und die Isolierung von der Weltgemeinschaft auch nur entfernt wettmachen könnten, die diese Tyrannei bewirken würde.

Andererseits: die Erkenntnis, daß dem so ist, bedeutet nicht, daß es notwendigerweise die Pflicht der Vereinigten Staaten wäre, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Das Verständnis für die demokratischen Ideale ist bei der Menschheit nicht sehr verbreitet. Es gibt mehr Fälle von Unterdrückung und Machtmißbrauch auf der Erde, als die Vereinigten Staaten allein je bereinigen könnten – und einige spielen sich in größerer geographischer Nähe ab als die Vorgänge in Vietnam.

Auch sind sich viele von uns gar nicht darüber im klaren, ob jene Vietnamesen, die wir in dem unwahrscheinlichen Fall eines überwältigenden militärischen Erfolges ans Ruder bringen könnten, wirklich geneigt – geschweige denn fähig – wären, mit nennenswert größerer Liberalität zu regieren.

Zwei Fragen müssen wir uns vor allen Dingen stellen, wenn wir über die Zukunft Vietnams nachdenken.

1. Inwieweit würde sich ein zukünftiges vietnamesisches Regime wohl einer der beiden kommunistischen Großmächte unterordnen und politisch wie militärisch seinen verlängerten Arm darstellen?

2. Welche Auswirkungen hätte eine Regelung auf die Nachbargebiete?