eines einsamen Wiedersehens

Von Wolfgang Boller

Über Nacht war Schnee gefallen auf die Rüdesheimer Weinberge. Der Niederwald glich dem Wald im deutschen Märchen. Germania hatte eine weiße Mütze auf dem Kopf. Ich war noch nie mit ihr allein gewesen, und es durchfuhr mich, daß sie die einmalige Gelegenheit vielleicht nützen würde, um das Wort an mich zu richten – ein Privatissimum für die Nachgeborenen, ein Plädoyer in eigener Sache: daß die Geste mit der verachteten Krone zur Krönung eines proklamierten Kaisers nicht nur hohles Pathos gewesen war, daß auch sie vom Stoffe sei, aus dem man Träume macht. Aber sie schwieg, den Blick unverwandt in die Gegend von Darmstadt gerichtet, als sei von dort alles Heil zu erwarten.

Eine Handbreit über den Hunsrückhöhen stand die gelbe Fackel der Januarsonne. Im Tal lärmten Lokomotiven und Glocken. Ich schaute von der vereinsamten Proszeniumsloge für Landschaftsgenuß auf Weinberge und Stromschnellen hinunter, auf Ruinen, Dächer und silbrige Rauchfahnen, und mir wurde sehr deutsch ums Herz und sehr beklommen beim Gedanken an den deutschen Traum und die Etappen des Erwachens. Da waren von Glanz und Glorie nur 1500 Zentner historischer Plunder übriggeblieben – und die Großmutter des Rüdesheimer Fremdenverkehrs. Denn mit der Germania fing es an.

Zu Tausenden zogen sie an den Rhein, der Deutschlands Strom war, nicht Deutschlands Grenze. Sie schwelgten in nationalem Hochgefühl, sangen preußische Märsche und tranken Rheingauer Wein. Kinder und Enkel folgten ihnen in immer größeren Massen nach. Heute sind es in der Saison drei Millionen, einschließlich der Passanten (48 Prozent Ausländer). Sie ziehen an den Rhein, der eine internationale Wasserstraße ist, schwelgen in Ausflugs-, Wochenend- und Freizeitgefühlen, schwenken Strohhüte und Humpen und konsumieren, bis zum äußersten entschlossen, ein Stadium des Behagens, das für den Rheingau keineswegs typisch ist: rheinische Stimmung.

Von Mai bis Oktober ist Rüdesheim ein Supermarkt konfektionierter Ausgelassenheit, Sangeslust und Suff, eine Schnelladestation für Frohsinn. In der Drosselgasse wird schrilles Gelächter am Fließband produziert. All dies aber, dachte ich mir, kann das wahre Rüdesheim nicht sein, das kleine, kaum sonderlich schöne Winzerstädtchen, dem noch immer die Eisenbahn schnaufend über das Gesicht fährt. Und ich beschloß, im Winter einzukehren, wenn die kleine Stadt mit den berühmten Weinbergen und Weinkellern ihre Individualität zurückgewinnt.

Ich kam am Abend an. Aus dunkelgrauem Himmel fielen wäßrige Schneeflocken. Normaluhren hingen gleich blassen Monden über der Rheinstraße, und am anderen Ufer leuchtete die Lichtreklame von Texter wie ein permanenter Sonnenuntergang. Das Verkehrsamt war geöffnet – aus Prinzip, für alle Fälle oder aus Versehen. Ich erfuhr, daß von 40 Hotels und Restaurants mit Unterkunftsgelegenheit 37 und die rund 20 Wirtshäuser ausnahmslos geschlossen waren. Es stellte sich heraus, daß auch das eine, empfohlene Hotel („Da brauchen wir um diese Zeit nicht anzurufen!“) Betriebsruhe hatte und daß, entgegen den Beteuerungen, sogar die Gaststätte der Winzergenossenschaft ihre Tür verschlossen hielt. Rüdesheim war in einen bleiernen Winterschlaf gesunken. Die Gastronomen erholten sich auf den Kanarischen Inseln von den Strapazen des kraftvollen Geldverdienens; und an den Mienen der Daheimgebliebenen war, das heftige Gelächter des Sommers ohne erkennbare Spuren vorübergegangen. Und ich hatte mich so auf maßvolle Weinseligkeit an autochthonen Stammtischen gefreut!