Johann Sebastian Bach: „Das Wohltemperierte Clavier, 1. Teil“; Ralph Kirkpatrick, Clavichord; Archiv Produktion, Deutsche Grammophon Gesellschaft 198 311/12, 50,– DM

Ralph Kirkpatrick, das gleiche auf Cembalo; Deutsche Grammophon Gesellschaft 138 844/45, 50,– DM

Als Bach 1722 eine Sammlung von vierundzwanzig Präludien und Fugen vollendet hatte, setzte er über das Autograph folgenden Titel, der später zu vielen Kontroversen Anlaß gab: „Das wohl temperirte Clavier, oder Praeludia, und Fugen durch alle Töne und Semitonia, So wohl tertiam majorem ... anlangend, als auch tertiam minorem ... betreffend. Zum Nutzen und Gebrauch der Lehr-begierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderen Zeitvertreib...“ Nichts spricht gegen die Vermutung, daß Bach mit dem Wort Clavier, dem damaligen Gebrauch entsprechend, alle zu dieser Zeit üblichen Tasteninstrumente meinte, also Orgel, Cembalo oder Clavichord. Die beiden vorliegenden Schallplattenwiedergaben, beide von demselben Interpreten gespielt, sind eine vorzügliche Gelegenheit, die beiden Aspekte des Werks, die jeweils einem der Instrumente besonders gemäß sind, bewußt zu erleben: Konzentration und Brillanz. Ralph Kirkpatricks Interpretation läßt das Anhören beider Fassungen hintereinander wirklich zu einem „Zeitvertreib“ werden, und zu einem lehrreichen. Das Cembalo, in seinen Mitteln dem Clavichord allein schon quantitativ überlegen, scheint zuerst ganz im Vorteil. Und doch ist man dann geneigt, der weniger „glänzenden“ Clavichord-Interpretation den Vorzug zu geben. Dieses sehr viel intimere, leisere und sensiblere Instrument ist dem Werk offenbar doch gemäßer; es zwingt nicht nur zur Konzentration, sondern es erleichtert sie seltsamerweise auch. Voraussetzung ist allerdings, daß man die Clavichordfassung, um sie nicht ins Groteske zu verzerren, so leise wie nur irgend möglich abspielt. Übrigens: Kirkpatrick selber spielt das Wohltemperierte Clavier lieber auf dem Clavichord. K. H. Z.