Die Sowjetunion, die in Europa vor einer halben Generation selber „eingedämmt“ worden ist, hat heute eine entschlossene und wohlkoordinierte Politik eingeleitet, die auf nichts anderes als auf die Eindämmung Chinas hinausläuft. Und wenn sich jetzt feststellen läßt, daß Moskau auch schon die ersten Erfolge erzielt hat, ist dies um so bemerkenswerter, weil die Sowjets nicht eine große Machtdemonstration vorexerziert, sondern es mit kluger Diplomatie versucht haben.

Die Herrscher des Kreml als Friedensengel – vor gar nicht langer Zeit wäre dies noch als eine aberwitzige Vorstellung erschienen. Insofern hat Taschkent eine neue Farbe in das Spektrum der Weltpolitik gebracht. In der usbekischen Hauptstadt – auf jenem Territorium, das von Peking als chinesischer Besitz beansprucht wird – ist es dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin gelungen, in geduldigen Verhandlungen mit Indiens Ministerpräsidenten, einem Hindu, und Pakistans Staatspräsidenten, einem Moslem, die bedrohliche Spannung zwischen den beiden großen asiatischen Staaten vorerst zu mildern. In der Taschkenter Erklärung, die buchstäblich durch einen Tod besiegelt wurde, haben sich beide Seiten verpflichtet, ihre Streitfragen auf friedlichem Wege zu lösen.

Kossygin ist gelungen, was den Zaren im 19. Jahrhundert nicht gelungen ist: Rußland hat seinen Einfluß auf den indischen Subkontinent ausgedehnt. Und kein Sperriegel des britischen Empire wird es – wie damals – Moskau verwehren können, künftig direkt einzuwirken auf die Politik in Südasien und in Südostasien.

Verwehren können? Dies ist ja gerade das Atemberaubende an der jüngsten Entwicklung, daß niemand – außer China – der Sowjetunion diese neue Einflußmöglichkeit streitig machen möchte. Großbritannien, das im vorigen Jahrhundert in Asien den russischen Bären immer wieder in die Höhle zurücktrieb, die Vereinigten Staaten, die während der letzten zwei Jahrzehnte allen Anlaß hatten, Argwohn und Abwehrbereitschaft gegenüber dem „Friedensstörer“ Sowjetunion an den Tag zu legen, und schließlich die ganze freie Welt, die sich durch so viele Jahre an das ja keineswegs erfundene Schreckgespenst sowjetischer Bedrohung gewöhnt hatte – sie alle haben eine Woche lang nach Taschkent geblickt und darauf gehofft, daß Kossygin einen Ausgleich zwischen Indien und Pakistan erreiche.

Während der sowjetische Ministerpräsident in Taschkent souverän die Regie führte, saß ein gutes Stück weiter ostwärts der zweite Mann in der Moskauer Parteihierarchie, Schelepin, am Beratungstisch in Hanoi. Auch auf diese Mission haben sich mancherlei westliche Hoffnungen gerichtet. Nachdem die Abgesandten aus Washington Johnsons Friedensoffensive um die Welt getragen hatten, würde nun – so die Erwartung – der Abgesandte Moskaus die Nordvietnamesen zu heilsamem Einlenken bewegen. Dieses Wunschdenken hat sich nicht erfüllt. Denn bevor die Moskauer Führer eines Tages möglicherweise auch in Vietnam als Friedensbringer auftreten können, müssen sie ihren Einfluß auf Nordvietnam festigen. Und das geht derzeit nur, indem sie in die Kriegsfanfare blasen, die „imperialistische Aggression“ der Amerikaner brandmarken und sich Hanoi als Bundesgenosse andienen, der mindestens so verläßlich und tatkräftig ist wie Peking.

Im Schatten der Begegnungen von Taschkent und Hanoi gab es noch einen anderen Besuch, der die letzten Zweifel darüber beiseite räumt, daß Moskau es auf eine konsequente Eindämmung – oder sollte man sagen „Einkreisung“? – Chinas abgesehen hat. Der sowjetische Parteichef Breshnew ist (auch er natürlich „an der Spitze einer Delegation“) in die Volksrepublik Mongolei gefahren. Bei den Gesprächen in Ulan Bator geht es um ein – Verteidigungsabkommen.

Die Sowjetunion hat sich unter Chruschtschows Nachfolgern – schließlich auch durch die augenfällige Verbesserung ihrer Beziehungen zu Japan und zu der KP von Nordkorea – unwiderruflich das Mitspracherecht in Asien gesichert. Dieser Machtzuwachs, und gewiß ist es ein Machtzuwachs, geht zweifellos zu Lasten Chinas; aber er geht vielleicht auch zu Lasten Amerikas.