In einer Erklärung der Presseabteilung des SED-Zentralkomitees vom 9. Januar wird behauptet, die Titelzeichnung des Quartheftes „Die Drahtharfe“ von Wolf Biermann sei „gegen die Staatsgrenze der DDR gerichtet“ – und das beweise, „worum es dem Gegner geht“. Hierzu und zu einigen anderen Äußerungen, die dem Verleger Klaus Wagenbach unterstellen, er sei eine Art Handlanger des Revanchismus, möchte Wagenbach feststellen:

1. Die Titelzeichnung zur „Drahtharfe“ ist die Illustration zu einem im Band enthaltenen Gedicht, der „Ballade auf den Dichter François Villon“. Der Geist François Villons geht in diesem Gedicht „spazieren auf der Mauer“ und „spielt auf dem Stacheldraht aus Jux die große Harfe“. Diese Szene, auf die auch der Titel des Buches Bezug nimmt, wurde illustriert, nichts sonst. Die Zeichnung stammt von einem jungen Graphiker der DDR. Zeichnung und Gedicht datieren aus dem Jahr 1964, woraus sich schon ergibt, daß es sich nicht um eine schnell fabrizierte Aggression handeln kann. Inwieweit ein akrobatischer Akt eines Geistes zudem „einen Angriff auf die Staatsgrenze“ darstellen kann, bleibe dahingestellt.

2. Der Verlag Klaus Wagenbach ist von niemandem abhängig, kann also auch niemandes Handlanger sein. Er versucht, ausschließlich Handlanger literarischer Qualität zu sein, unabhängig von Staatszugehörigkeiten der publizierten Autoren. Ich gebe zu bedenken, ob der schlichte Terminus „Gegner“ zutreffen kann bei einem Verleger, der sich seit Jahren stets gegen den Kalten Krieg ausgesprochen hat, und bei einem Verlag, der einige Autoren der DDR veröffentlicht hat, dazu solche, die zwanzig Jahre nicht in der Bundesrepublik gedruckt wurden, dessen Sammelband „Atlas“ unter dreiundvierzig Autoren zehn aus der DDR enthält und dessen Publikationen von Wolf Biermann die Meinung des Autors voll respektiert, einschließlich der Gedichte „Genosse Julian Grimau“, „Wartet nicht auf beßre Zeiten“ und des über den Trettnerschen Atomminengürtel.

3. Ich gebe auch zu bedenken, ob Vokabeln wie „Kettenhund“, „kotig-viehisch“, „pervers“, „pornographisch“ gegenüber dem hochbegabten jungen kommunistischen Schriftsteller Wolf Biermann angebracht sind. Bereits zu Beginn der Angriffe, am 5. Dezember 1965, habe ich in einem Brief an das „Neue Deutschland“ dagegen entschieden protestiert, man ist aber offenbar nicht gesonnen, Diskussionen mit einem Minimum an Fairneß zu führen. Denjenigen, die im Augenblick solche hemmungslosen Methoden für angebracht halten, die also wohl auch nicht gesonnen sind, auf die Argumente „bürgerlicher“ Kritiker zu hören, sei zumindest empfohlen, das Plädoyer des bedeutenden österreichischen kommunistischen Kritikers Ernst Fischer für Wolf Biermann im „Tagebuch“ vom Januar 1966 nachzulesen. Demgegenüber läßt die seit Wochen in der DDR angeschlagene Tonart durchaus den Respekt vermissen, der gegenüber literarischen Leistungen und persönlicher Integrität jedenfalls angebracht ist, wenn man Wert darauf legt, von späteren Generationen nicht zu den Goezes, also zu den längst diskreditierten Gegnern der Aufklärung, gezählt zu werden.