Man zeigte, in der Reihe „Aus dem Bücherschrank geholt“,Passagen des Stiller – und zeigte sie werkgetreu, mit jenen winzigen Veränderungen und Transpositionen, die den Kennern des Romans nicht zuletzt deshalb ein kleines Lächeln entlockten, weil die Metamorphosen sich vor allem auf die Statur der engagierten Mimen bezogen: Frau Etzel, Julika Stiller, trug statt des vom Autor vorgeschriebenen mennigpulvernen Haars ein weißblond kokett frisiertes Gebilde, und was den Protagonisten angeht, Heinz Weiss, so ersparte man ihm die Stillersche Glatze in gleicher Weise wie die hagere Figur: kein Wunder, daß die Uniform, die buchgetreu zu schlottern hatte, auf dem Bildschirm plötzlich spannte... Stiller, im Roman mager geworden, hatte – nicht erstaunlich bei der geräumigen Zelle – gewaltig ausgelegt. Kurzum, mochte auch die Szenenauswahl ein wenig unglücklich sein (von Kennerschaft jedenfalls zeugte sie nicht: man bot viel Spektakel und wenig Psychologie), im Detail hielt man sich durchaus an den Text, und das Huhn des Staatsanwalts war genauso authentisch wie das im Jugendstil entworfene Gitter jener Davoser Veranda, in der Stiller, unflätig rauchend, am Liegestuhl der tuberkulösen Julika sitzt.

Und in den Szenenpausen, eingerahmt von Heinz Weiss und Ellen Schwiers (möge man ihr im neuen Jahre häufiger begegnen als bisher...), in den Pausen dann Max Frisch. Ein wenig ermüdet, physiognomisch durch den Anflug eines bescheidenen Hemingway-Bartes, eines Bartes in statu nascendi, nicht zu seinem Nachteil verändert, gab er auch auf die dümmlichsten und albernsten Fragen des Interviewers Peter Podehl eine ernsthafte Antwort: Nur wer ihn kennt, spürte die leise Indignation, das Unbehagen und die Mühe, die es ihn kostete, konzentriert und freundlich-gelassen zu bleiben. Ein anderer, soviel steht fest, wäre zornig geworden, wenn man ihn mit Kalauern schlechtesten Conferencierstils („Ich hoffe, Ihr Paß war in Ordnung“), mit augenzwinkernden Aufdringlichkeiten („Letzigraben: merken Sie sich die Adresse, meine Damen und Herren, wenn Sie einmal in einem von einem Dichter erbauten Schwimmbad baden wollen“) und mit grotesken Inhaltsangaben des vorgeführten Romans gekränkt haben würde: „Sibylles Ehe mit dem Staatsanwalt läuft schon längst wieder in guten Geleisen, gerade ist ein zweites Kind gekommen...“ Max Frisch, einer der wenigen bedeutenden Schriftsteller unserer Zeit, ist, will mir scheinen, kein geeignetes Objekt für Reporter, die im Tonfall und Stil von Omo-Befragern agieren. Ein Glück also, daß das Opfer dieser Plätscher-Conference, bitte, lieber Freund, kommen Sie doch einmal auf den Laufsteg zu mir, nicht Walser oder Enzensberger oder Grass hieß. Die wären böse geworden und hätten sich das penetrante Geplauder energisch verbeten, während Max Frisch nur durch sanftes Gähnen seinem Erstaunen Ausdruck verlieh, ansonsten aber über das Identitätsproblem oder den Gesellschaftsbezug des Schriftstellers Thesen vortrug, die durchaus bedenkenswert waren. Daß er, anders als einst im Gespräch mit Hans Mayer und Marcel Reich-Ranicki, keine Bäume ausriß, sondern nur das Nötigste tat, lag nicht an ihm. Das lag am Befrager, der statt der sokratischen Hebammenpraktik die Künste eines munteren Reisenden vorexerzierte. Nun, das ist schließlich auch eine Gabe. Momos