Von Paul Kruntorad

Vor einigen Jahren war es noch einfach, die Zensur in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik zu beschreiben.

Wie in allen anderen kommunistisch regierten Ländern betrachtete sich die Partei als Verkörperung des Volkswillens und behielt sich die Entscheidung darüber vor, welche Informationen in welcher Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das ist heute nicht anders.

Aber vor der Liberalisierung, deren Ansätze in den frühen sechziger Jahren zu finden sind, traf die Entscheidung ein Organ des Innenministeriums, die Hlavni správa tiskového dozuro (Hauptverwaltung der Druckaufsicht). Dieses Organ bekam regelmäßige Direktiven von seinem vorgesetzten Amt; die Instanz für grundsätzliche Fragen war der Ideologische Aus schuß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei.

Drucksachen, gleich ob Bücher oder Zeitschriften, wurden an Hand von Druckfahnen vor dem Umbruch gutgeheißen, verworfen oder korrigiert; Filme hatten eine doppelte Zensur zu bestehen, einmal als Drehbuch, dann in ihrer fertigen Form; über die Theaterstücke entschied bereits eine Kommission der DILIA (Divadelni a literárni agentura – Theater- und Literaturagentur), indem sie das Manuskript für die Aufführung freigab oder es zurückhielt. Ausstellungen mußten ebenfalls von der Hauptverwaltung der Druckaufsicht genehmigt werden.

Der prinzipielle Vorgang ist bis heute der gleiche geblieben. Die Erklärung der erstaunlichen Vielfalt in der tschechoslowakischen Kunst und Literatur liegt in gewissen subtilen Änderungen des Verfahrens.