Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in vielen ihrer europäischen Nachbarstaaten hat sich im Einzelhandel in den letzten beiden Jahrzehnten eine Entwicklung vollzogen, die einer Revolution gleichkommt. Während jährlich Tausende von Einzelhändlern vom Wettbewerb aus dem Rennen geworfen werden (allein 1964 mußten 5000 Einzelhändler in der Bundesrepublik ihre Betriebe für immer schließen), nahmen die Großunternehmen der Branche einen gewaltigen Aufschwung.

Im ersten Jahr nach der Währungsreform hatte die Karstadt AG einen Umsatz von knapp 200 Millionen Mark – heute erreicht sie etwa das Vierzehnfache. Damals kannte kaum jemand Firmen wie Quelle, Horten oder Neckermann, die jetzt jährlich Milliardenumsätze aufweisen oder sich dieser Grenze doch rasch nähern. Diese Erfolge wurden in der Bundesrepublik sicherlich durch die besonderen Nachkriegsverhältnisse begünstigt. Doch auch im Ausland haben sich ähnliche Veränderungen im Einzelhandel vollzogen.

Charles Clore, mit mehr als 2000 Filialgeschäften Herr des englischen Schuhmarktes, hatte noch vor gut zehn Jahren nach den Worten der Financial Times „an Schuhen keinerlei Interesse, ausgenommen die, die er selber trug“. Daneben rundete Clore seinen Einzelhandelskonzern in den letzten Jahren noch durch den Erwerb von Warenhäusern und Juweliergeschäften ab. Aber ähnlich wie hier haben sich die meisten Großunternehmen des europäischen Einzelhandels erst in den letzten 10 bis 15 Jahren zu wirklicher Bedeutung entwickelt.

Gemessen an amerikanischen Maßstäben sind ihre Umsätze daher auch nicht sehr imponierend. Einzelne Gesellschaften wie Sears und Roebuck oder Great American and Pacific Tea Company setzen pro Jahr mehr um als beispielsweise der gesamte Einzelhandel der Schweiz oder Schwedens. Derartige Unternehmensgrößen sind allerdings nur möglich auf der Grundlage einer hochentwicktelten Handelstechnik, eines großen, kaufkräftigen Marktes und unbehinderter Fusionsmöglichkeiten.

In Europa fehlen diese Bedingungen in einer Reihe von Ländern bis heute, und in den anderen sind sie noch nicht seit langer Zeit vorhanden. Die größten Unternehmen finden sich daher in den Ländern, die neben einer modernen Handelstechnik eine große und kaufkräftige Bevölkerung besitzen. Diese Bedingungen sind gegenwärtig in erster Linie in England, der Bundesrepublik und – mit einigem Abstand – in Frankreich erfüllt. In England werden überdies Fusionen nicht in dem Maße behindert wie auf dem Kontinent.

Daneben besitzt nur noch Schweden bei einer zwar kleinen, aber wohlhabenden Bevölkerung und dank des modernsten Handels in Europa vier Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Millionen Mark. In Italien mit seinem stark traditionell geprägten Handel existieren hingegen nur zwei Unternehmen dieser Größenordnung, und in Spanien erreicht kein Einzelhandelsunternehmen einen solchen Umsatz.

Dem Wachstum der europäischen Einzelhandelskonzerne ist auch immer noch dadurch eine Grenze gesetzt, daß sie auch heute noch auf den Markt ihres jeweiligen Landes beschränkt sind. Zwar gibt es einzelne Ausnahmen von dieser Regel. Aber sie sind mehr zufällig und meist schon vor Jahrzehnten entstanden. EWG und EFTA haben nicht, wie bei der Industrie, zu einer Ausweitung der Geschäftstätigkeit über die Grenzen geführt. Lediglich im Einkauf hat sich eine gewisse, im allgemeinen aber noch sehr lockere internationale Zusammenarbeit angebahnt. Gelegentliche Bemühungen, über dieses Stadium hinauszugelangen, wurden unter dem Druck der mittelständischen Interessengruppen sehr schnell blockiert. Als beispielsweise vor einigen Jahren der kanadisch-englische Weston-Konzern in der Bundesrepublik Fuß faßte und seine Tätigkeit ausweiten wollte, verwandte sich der damalige Bundeswirtschaftsminister Erhard persönlich beim Konzernchef für einen Expansionsstopp. Die nationalen Interessen scheinen vorerst noch einer Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg unüberwindbare Schranken zu setzen.

Hans-Jürgen Schulz