Von Wolf gang Leppmann

Mit den neun ersten Bänden Goethe, erklärte Bismarck einmal beim Tischgespräch, „könnte ich ziemlich lange auf einer wüsten Insel existieren“. Ja, das waren noch Zeiten, Anno einundsiebzig in Versailles, als man mit burschikos-markigem Kanzlerworte so eindeutig zu bezeichnen vermochte, was einem an Goethe gefiel! Allzu viel wird es freilich nicht gewesen sein, denn Bismarck meinte höchstwahrscheinlich die Ausgabe letzter Hand, die vierzig, mit den nachgelassenen Werken gar sechzig Bände zählte.

Dabei war er nicht der einzige, der so eklektisch vorging; Napoleon hatte „Werther“ nach Ägypten mitgenommen, und Heinrich Lee alias Gottfried Keller las bei seiner vierzigtägigen Goethe-Kur erst alle Dramen, dann alle Romane, dann die „Italienische Reise“ und schließlich alles übrige, „an die fünfzig Kindchen, alle gleich gebunden“, um dann befremdenderweise „Reinicke Fuchs“ und der Cellini-Übersetzung die Palme zuzuerkennen.

Tiefere Goethe-Kenner und solche, denen seine Werke tatsächlich eine Welt ersetzen mußten, trafen freilich keine so oberflächliche Auswahl: Victor Hehn nahm sich alles in die Verbannung nach Tula mit, und Schweitzer wohl auch nach Lambarene.

Für gewöhnliche Sterbliche wird die Auswahl allerdings immer ein Problem darstellen, das jeder Leser und vor allem jeder Herausgeber von neuem zu lösen hat. In

„Goethes Werke“ in 6 Bänden, neu bearbeitet unter Mitwirkung von Emil Staiger, Walter Höllerer, Hans-Joachim Weitz, Norbert Miller und anderen; Insel Verlag, Frankfurt; 3886 S., 48,– DM

hat es so etwas wie eine Optimallösung gefunden. Es handelt sich um eine Neubearbeitung des zuerst 1909 (ebenfalls sechsbändig und beim Insel Verlag) erschienenen sogenannten „Volks-Goethe“, und ein Vergleich der beiden Editionen ist um so aufschlußreicher, als bei beiden die gleiche Absicht verfolgt wird: die Werke, nur mit dem notwendigsten Kommentar versehen, in einer gediegenen, in Preis, Handlichkeit und Aufmachung auf Massenabsatz zugeschnittenen Auswahl zu bieten. Daß der Preis inzwischen von sechs auf achtundvierzig Mark gestiegen ist, wird niemanden verwundern; dieser im Vergleich zu anderen Preissteigerungen noch geringe Unterschied erklärt sich zum Teil schon dadurch, daß die Neuausgabe gebunden, die frühere dagegen kartoniert ist und die Goethe-Gesellschaft überdies damals noch in der Lage war, dem Verlag einen handfesten Zuschuß zu gewähren.