Kritik an Firmenfestschriften

Von Horst Ohlhaver

Prof. Dr. Ohlhaver ist Direktor der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule in Pforzheim und Dozent für Publizistik an der Höheren Fachschule für das graphische Gewerbe in Stuttgart.

Wem die Post eine Firmenfestschrift auf den Tisch legt, Freude ihm und zumindest ein dreifaches Glück – ein Buch das ihn nichts kostet, ein Buch, so prachtvoll geschneidert und mit Schmuck behängt, daß er ob des Glanzes die Augen schließt, ein Buch schließlich, von dem er, ohne eine Zeile gelesen zu haben, weiß: es hat ein happy end, ansonsten wäre es weder geschrieben, noch gedruckt und gewiß nicht verschickt worden.

Der erste Eindruck wirkt: man erhebt sich in Ehrfurcht, gedenkt nach flüchtigem Blättern der Sisyphosplage an Quellensichtung, die der zumeist nur im dritten Glied oder nirgends genannte Autor vollbracht hat, und man staunt über die welthistorische Verflechtung, in der sich, mitwebend am Schicksal, das gefeierte Unternehmen oder der geehrte Ahn befindet. So weit, so gut. Eine solche Festschrift erfährt damit im Anflug schon eine der besten und ehrlichen Auszeichnungen, die ein Buch von jeher erfahren darf – einfach dafür, daß es da ist.

Indessen, der jähe Hauch des Glückes weicht im nüchternen Vormittag. Man setzt sich wieder an den Arbeitstisch, und gegenüber bleibt eine Frage fordernd stehen: cui bono? Der Familie des Gefeierten – den Mitarbeitern und Freunden des Unternehmens – den Kollegen des Berufsstandes – der Entwicklung des Wirtschaftszweiges – der Geschichte schlechthin?

Vermessen, eine solche Frage, vermessen aber zulässig; denn das Vorwort, im Text bescheiden, aber mit direktoralem Faksimile sehr bestimmt versehen, ruft alle zum Lesen herbei: den treuen Mitarbeiter (wobei wohl heute auch die Putzfrau nicht ausgespart sein wird), den Freund, der anbietet und abkauft, schließlich die Wissenschaft von Harvard bis Heidelberg. Vergessen nur (und bestimmt) der großgütige Spender, der alles möglich gemacht hat, obgleich er erst als letzter davon erfuhr: das Finanzamt.