Wenn der Name Hermann Kasack im Bewußtsein des lesenden Publikums heute vor allem mit einem Romantitel („Die Stadt hinter dem Strom“, 1947) und mit einem Amt verknüpft ist (er war von 1953 bis 1963 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewesen), so entspricht dies tatsächlich der Zweigleisigkeit seines Werks und Wirkens. Denn anders als manche Dichter seiner Generation – Kasack wurde 1896 in Potsdam geboren – war er von Anfang an ein Poet und ein Mann des literarischen Lebens zugleich.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann sein Weg: mit expressionistischer Lyrik („Der Mensch“, 1918) und mit seiner Tätigkeit als Lektor zunächst im Gustav Kiepenheuer Verlag in Potsdam und später bei S. Fischer.

Die Jahre 1933 bis 1945 waren auch für ihn schwer: Er gehörte nicht zu den verbotenen, wohl aber zu den unerwünschten und vielfach schikanierten Autoren. 1941 fand Kasack, der zurückgezogen lebte und oft Antifaschisten geholfen hatte, eine ihm angemessene Arbeit: Er wurde als Nachfolger Oskar Loerkes Cheflektor des Suhrkamp Verlags, und blieb es bis 1949.

Er war auch einer jener deutschen Dichter, die aus den geschichtlichen Erfahrungen Lehren zu ziehen wußten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfaßte er daher zeitkritische Bücher, die gegen die Diktatur und die Tyrannei, den Krieg und die Nazi-Herrschaft gerichtet sind und den Überlebenden ihre Situation vergegenwärtigen sollen. Dies gilt für die gleichnishaften Romane und Erzählungen „Der Webstuhl“ (1949), „Das große Netz“ (1952) und „Fälschungen“ (1953), vor allem aber für „Die Stadt hinter dem Strom“.

Die Visionen dieses zum großen Teil noch während des Krieges entstandenen Romans zeigen mit kafkaesker Eindringlichkeit eine Schattenwelt der Gestorbenen, die als Sinnbild der totalitären Welt zu verstehen ist. Unvergessen sind die vielen Diskussionen, die gerade dieses im tiefsten Sinne zeitgemäße Buch unter jenen hervorgerufen hatte, die noch einmal davongekommen waren und draußen vor der Tür standen.

In außerordentlicher Weise hat sich Kasack auch um die Organisation des literarischen Lebens in der Bundesrepublik verdient gemacht. Das hohe Ansehen, das die Darmstädter Akademie genießt, ist nicht zuletzt auf seine beharrlichen Bemühungen zurückzuführen. Er war – zumal in den fünfziger Jahren – ein Förderer der Dichter der neuen Generation: von Helmut Heissenbüttel bis Uwe Johnson.

Hermann Kasack ist am 10. Januar 1966 in Stuttgart gestorben – wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag. In dem Roman „Die Stadt hinter dem Strom“ findet sich der Satz: „Ich habe mehr als eine Zeit und mehr als eine Generation durchmessen und bin nicht müde geworden, dem Geist zu dienen.“ D. Z.