Die Tausendjahrfeiern der Christianisierung Polens sind am 13. Januar in Rom ohne den Primas Kardinal Wyszinski eröffnet worden. Die Regierung entzog ihm im letzten Augenblick den diplomatischen Paß, den sie dem Kirchenfürsten – alter Tradition folgend – bisher stets zugestanden hatte. Der Paßentzug ist der Höhepunkt jenes Konfliktes zwischen Staat und Kirche, der sich am Briefwechsel zwischen den deutschen und polnischen Bischöfen entzündete. Nicht die Religion steht dabei zur Debatte, und Kirchenpolitik bildet nur den Hintergrund. Es geht um Nationalpolitik, um nationale Kompetenz im geistig-ideologischen Sinne. Letztlich allerdings geht es wieder um den Machtkomplex, unter dem die ungleichen Partner beide leiden – die Kirche aus Mangel an materiellem, die Partei aus Mangel an ideellem Einfluß.

Dennoch liegt der Regierung daran, den Streit von den klassischen Akzenten des Kirchenkampfes freizuhalten. Das zeigte sich, als sie kurz vor Weihnachten der päpstlichen Ernennung eines neuen Bischofs für Przemysl zustimmte. Auch wird der Vatikan in der Polemik geschont, wie umgekehrt die Vatikanzeitung vom Briefwechsel der Bischöfe und von der Polemik keine Notiz nahm. Und erst die Nachricht, daß bei den Feierlichkeiten, zu denen Wyszynski wieder nach Rom wollte, Professor Oskar Halecki den Festvortrag halten sollte, gab Warschau den letzten Anstoß, dem Kardinal den Reisepaß zu verweigern. Der 75jährige Historiker, der seit 1939 im Westen lehrt, ist der Verfasser jener „Geschichte Polens“, die Wyszynski den deutschen Bischöfen empfohlen hatte. Er genießt zwar als Kenner der älteren Geschichte Ansehen, zur neuesten Zeitgeschichte jedoch bietet er kaum mehr als hausbackenen Antikommunismus.

Ein anderer polnischer Oberhirte war von Anfang an entschlossen, nicht an der römischen Feier teilzunehmen, obwohl er einen Reisepaß besitzt: der Breslauer Erzbischof Kominek, der sich einer mehrwöchigen Kneipp-Kur in Österreich unterzieht. Besonnen und ruhig, jede Polemik meidend, sprach er letzte Woche mit mir über jene Mißverständnisse, die in der Bundesrepublik entstanden und in Warschau benutzt worden waren. Die Oder-Neiße-Grenze, „Gemeingut des ganzen polnischen Volkes“, könne kein Gegenstand des Dialogs oder von Verhandlungen sein. „Der Potsdamer Beschluß ist für Polen ein ganz positiver Friedensschluß gewesen.“ Katholiken und Kommunisten seien sich da einig. Der Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe habe „kein politisches Dokument“ sein sollen; aus großer historischer Perspektive sei es dem Brief um die deutsch-polnische Verständigung gegangen. Als erster polnischer Bischof sprach Kominek in diesem Zusammenhang von „der DDR, mit der wir in guten, in besten nachbarlichen Verhältnissen leben“.

Das Wort von der Vergebung will Erzbischof Kominek – ohne Mathematik und Politik – im Sinne des Vaterunsers verstanden wissen, „das wir jeden Tag beten, in dem wir uns täglich unsere Sünden verzeihen“. Ohne Buße, ohne Schuldbekenntnis gebe es jedoch keine Vergebung, betonte Kominek; riesengroß und unvergleichbar nannte er die deutsche Schuld am polnischen Volk... „Wir haben keinen nationalistischen Haß gegen Deutschland... aber wir wissen nicht, was in der deutschen Volksseele brodelt, ob sie wieder explodiert... Wir fürchten Wiederaufrüstung, atomare Bewaffnung Wir bitten das deutsche Volk, die polnische Politik in dieser Hinsicht verstehen zu wollen. Es ist wirklich eine notwendige Sicherheitspolitik, und das ganze Volk anerkennt diese Art von Politik.“

So unzweideutig hatte sich bisher zu dieser Frage noch kein Sprecher des polnischen Episkopats geäußert; es war zu spüren, daß dabei nicht bloße Taktik, sondern ehrliche Überzeugung sprach. Das zeigte sich auch, wenn Kominek die evangelische Denkschrift zur Oder-Neiße-Frage als bisher „mutigsten Vorstoß“ wertet, also für mutiger als die Antwort der deutschen katholischen Bischöfe, die „in derselben Richtung vorzugehen scheinen“. In solcher Gesinnung weist Kominek auch die Anbiederungen gewisser „Abendländer“ zurück, die Polen als Vormauer, als christliches Bollwerk gegen den kommunistischen Osten verstehen oder gar gebrauchen möchten. „Die Kirche ist aus ihrem Burg-Begriff herausgegangen“, sagte mir Kominek. „Wir wollen heute nicht mehr Vormauer sein, gegen niemanden, sondern Friedenskirche und zwischen Osten und Westen. Slawen und Deutschen, zwischen Kommunismus und anderen Ländern Frieden ausstrahlen.“

Der 62jährige Bergmannssohn aus dem schlesischen Rybnik empfiehlt sich mit solcher koexistenzbereiten Haltung sowohl seinem Land wie seiner Kirche, die sich zum Dialog bekennt. Sollte der Papst Ende Januar dem Erzbischof Breslaus den zweiten polnischen Kardinalshut reichen (wovon geredet wird), so würde auch eine Reise Pauls VI. nach Polen wieder wahrscheinlicher werden. Gegenwärtig sind die Wege nach Tschenstochau vom Geröll verschüttet, das die Kalten Krieger aufhäufen. H. Stehle