„Otto Modersohn“ (Bremen, Kunsthalle): Man sieht Worpswede, die Dorfstraße, Gehöfte unter wolkenverhangenem Himmel, Birken im Moor, Birken mit Mädchen, Moorwiesen, Moortümpel, Kinder und alte Bäuerinnen. „Erdgeruch weht uns aus den Bildern von Modersohn ... entgegen“, schrieb 1895 ein Münchner Kritiker, die Feststellung war als hohes Lob gedacht. Auch Rilke, als er 1903 seine dichterische Monographie über die Worpsweder Malerei publizierte, äußerte sich enthusiastisch über Modersohns Landschaften, über ihre poetische Atmosphäre, ihre Stimmung. Die Bremer Kunsthalle wagt, zum 100. Geburtstag des Malers, eine Retrospektive mit über 100 Bildern, 60 Zeichnungen und 15 Skizzenbüchern, um ihn vom Odium der Heimatmalerei, von Erdgeruch und Stimmung, die wir heute nicht sonderlich schätzen, zu befreien. „Der Stoff ist fast nebensächlich. Aus allem kann man etwas Großes machen“, notiert der junge Maler. Daß man auch aus Worpswede Großes machen kann, hat Paula Becker-Modersohn bewiesen. Ihre Bilder hängen im ersten Stock der Bremer Kunsthalle, man kann sie mit denen ihres Mannes vergleichen und wird, bei allem künstlerischen Abstand zwischen den beiden, feststellen, daß auch sie ihrem Mann einiges zu danken hat, etwa das schlichte Sujet und den unbefangenen Blick.

Unter Otto Modersohns Bildern sind die am schönsten, die kurz nach 1900, in ihren gemeinsamen Jahren, entstanden sind, das „Mädchen am Baumstamm“ oder „Garten mit Glaskugel und Elsbeth“ oder „Schützenfest“, sie haben eine Intimität und eine farbige Delikatesse, die über Worpsweder Heimatmalerei weit hinausgehen. In den späten Landschaften, Modersohn lebte bis 1943, den sanft verschleierten Winterabenden in Fischerhude und den melancholischen Friedhofsbildern dominiert die von Rilke gerühmte „Stimmung“. Die Ausstellung dauert bis zum 6. Februar. –

Erfreulich ist die kleine Sonderschau der Bildhauerin Helga Föhl. Sie zeigt Eisenplastik in flackernden, lodernden Formen, die gegen die Härte, die Sprödigkeit des Materials rebellieren, zierliche, bewegliche Gebilde, Bacchantinnen, Waldgestalten, Kentaurenwald, ähnlich wie die viermal dargestellte Daphne auf dem halben Weg einer Metamorphose von figurativer zu abstrakter Plastik.

  • „40 Jahre Griffelkunst“ (Hamburg, Hamburg-Haus Eimsbüttel): Seit 40 Jahren versorgt die Griffelkunst-Vereinigung in Hamburg-Langenhorn ihre Mitglieder mit zeitgenössischer Graphik. Das ursprünglich auf Hamburg beschränkte Unternehmen hat heute Zweiggruppen in 60 Orten der Bundesrepublik und ist auch in der Wahl der Griffelkünstler über lokale Grenzen hinausgegangen. Man sieht in der Ausstellung (bis Ende Januar) Blätter von Kokoschka, Heckel, Pechstein, Kubin, Kluth, Bargheer, Grimm, Seitz. Gelegentlich hat die Griffelkunst auch junge Talente entdeckt oder zum mindesten gefördert und ihnen, bevor sie berühmt wurden, Aufträge gegeben. Horst Janssen beispielsweise hat schon 1958 eine ganze Graphik-Serie für die Griffelkunst geliefert, Paul Wunderlich ist dabei, Skodlerak, Lemcke, der Niederländer Hannes Postma, der gerade im Hamburger Kunstverein ausstellt. Die mittleren und schwachen Blätter, die den Mitgliedern der Griffelkunst gelegentlich zugemutet werden, wenn sie alle halbe Jahr zur Wanderausstellung kommen, sind in dieser Jubiläumsschau allerdings nicht zu sehen.

Gottfried Sello

„Jiři Trnka“ (München, Galerie Gurlitt am Stachus): Die Ausstellung des Malers, Illustrators, Puppen- und Trickfilmmeisters ist die erste in Deutschland. Trnka ist ein Mann von einer beinahe erschreckenden Produktivität (man kann darüber einiges in einer den Umständen entsprechend recht guten Biographie von Jaroslav Bocek lesen, erschienen im Verlag Artia, Prag), er hat an die dreißig Filme gemacht und über dreißig Bücher illustriert. Sein Werk läßt sich in einer solchen Ausstellung kaum einfangen, besonders da der Hauptakzent ja doch auf den Filmen liegt (von denen im Zusammenhang mit der Ausstellung einige vorgeführt wurden und werden). Aber auch auf dem Ausstellungssockel erstarrt sprechen seine sonst so agilen Puppen, der dummschlaue, brave Soldat Schweijk oder Prinz Bajaja im Miniaturkettenhemd, von künstlerischer Imagination und handwerklichem Geschick. Trnkas Grenzen werden deutlich, wenn er die Puppen- und Märchenwelt, die Kontinuität eines Films oder Textes verläßt und sich als freischaffender Künstler mit Ölfarben vor die Staffelei setzt: Viel weiter als bis zum Blumen-Stilleben traut er sich nicht (seine Selbstporträts fehlen in der Ausstellung), und die wirken dann meist, obwohl in schönen Dämmerfarben gehalten, doch ein bißchen bieder kunstgewerblich. Aber wenn er Hauffs „Karawane“, wenn er „Tausendundeine Nacht“, Andersen, Grimm, oder, Höhepunkt seiner Illustrationen, den „Sommernachtstraum“ in Bilder umsetzt, dann arbeitet er mit nachtwandlerischer Sicherheit, dann sprießen aus zarten Konturen und magischen Farben Feen, Träume, Gnome und andere Märchengebilde hervor, die kaum ihresgleichen haben. p. K.