Von Horst Wetterling

Als der Hamburger Schulsenator Dr. Drexelius vor mehr als einem Jahr gefragt wurde, welcher Grund dafür spreche, den Beginn des Schuljahres vom April in den August zu verlegen, wußte er keine andere Antwort als das bündige Wort: „Keiner.“

Ich weiß jetzt, wozu diese Verlegung taugt: Bei einigem Geschick in der Manipulation von Sachverhalten erweist sie sich als ein vorzügliches Mittel, unterentwickelte Länder der Bundesrepublik von einem Makel zu befreien, von dem Makel nämlich, daß sie Jungen und Mädchen nach acht Schuljahren in die Arbeitswelt entlassen, während andere Länder ihren Kindern schon neun Schuljahre vergönnen. Es bedarf nur des mannhaften Entschlusses zu der Erklärung: „Was ein Schuljahr ist, das bestimmen wir“, um des lästigen Vorwurfs ledig zu sein, man sei rückständig.

Was Wunder, daß diese Möglichkeit genutzt wird? Und flugs ist die Geschichte der bundesdeutschen Kulturpolitik um ein Drama reicher, das den Kredit der Kultusminister nicht gerade steigert:

Erster Akt: Bei ihrer Zusammenkunft im Oktober 1964 beschließen die Ministerpräsidenten der Bundesländer: „Das Schuljahr beginnt an allen Schulen am 1. August und endet am 31. Juli des folgenden Kalenderjahres.“

Zweiter Akt: Bei ihren Zusammenkünften im Mai, im Juli und im Oktober 1965 einigen sich die Kultusminister der Bundesländer auf folgende Ordnung: Jedes Kind wird zu eben dem Zeitpunkt aus der Schule entlassen, an dem es seine Schullaufbahn begonnen hat. Ist also ein Junge in Rendsburg zu Ostern 1963 eingeschult worden, so wird er nach neun Schuljahren zu Ostern 1972 entlassen. Wird ein Kind nun – dem Beschluß der Ministerpräsidenten entsprechend – am 1. August 1967 eingeschult, so wird es nach neun Schuljahren Ende Juli 1976 aus der Schule entlassen. Damit wird sozusagen der Besitzstand gewahrt, die ungeminderte Erfüllung nämlich des Bürgerrechts auf Bildung, wie es die Gesetze verbürgen.

Dritter Akt: Einige Länder sind plötzlich nicht gewillt, sich an die Vereinbarungen ihrer Kultusminister zu halten. Dank des Gewichts, das ihre Einwohnerzahl ihnen verleiht, setzen sie im Januar 1966 folgende Regelung durch: Das Schuljahr, welches im April 1966 beginnt, erstreckt sich nur über acht Monate, nämlich bis Ende November 1966. Das folgende Schuljahr dauert wiederum nur acht Monate, nämlich von Dezember 1966 bis Ende Juli 1967. Im August 1967 beginnt dann ein Schuljahr von jener Dauer, die wir bisher als ein Jahr zu bezeichnen gewohnt waren.