NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Montag, den 10. Januar, deutsche Schlager:

Es ist vor allem der Rundfunk, der die Schlager macht. Auf den Plattenteller kommt, was im Radio gefiel; was nach den Vorschlägen der Sender und dann nach den Wünschen der Hörer nach und nach beliebter wurde, wird dann auch gekauft.

Die Texte, die bleiben sich gleich, es scheinen die deutschen Schlagerdichter mit einem Vokabelschatz hinzukommen, der den des Altbundeskanzlers noch beträchtlich unterbieten dürfte. Und man kann auch nicht, was schon versucht worden ist, aus ihnen heraushören, was die Stunde geschlagen hat, auf glücklich sein reimt sich nicht gern allein, was auch immer geschehen mag. Daß Schlagergeschichte zugleich Sozialgeschichte sei, ist ein Irrtum der Kulturkritik, die bei ihrer gelegentlichen Beschäftigung mit dem Schlager als neu und typisch für irgend etwas, das sie sich dazudenkt, begreift, was gar nicht neu ist – und nur insofern typisch. Das Geheimnis des Schlagers ist seine immerwährende Einfalt. Und die Träume, die er liefert, sind immer die gleichen, weil die Nachfrage immer die gleiche bleibt. Es ist dies ein circulus vitiosus: Indem die Schlagertexter sich an das Bewährte halten und aus Vorsicht den Konsumenten immer für ein bißchen dümmer halten, als er ist, gewöhnen sie diesen an das Image, das sie sich von ihm machen, und es entsteht eine Nachfrage, die dem Angebot entpricht.

Weine nicht, wenn der Regen fällt, dammdamm, damm-damm, es gibt einen, der zu dir hält, damm-damm, damm-damm, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu, ich träum’ allein, muß das denn sein, ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß, so siehst du in meinen Träumen aus, weil wir so romantisch sind, lieben wir die kleine Bank im Mondenschein, ich brauche kein Traumschloß, um froh zu sein, ich habe selbst genug Phantasie, ich weiß, du kommst bestimmt zurück zu mir, es war ein weiter Weg zu dir, Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht.

Dergleichen läßt sich singen zu jeder Zeit; daß Erhard am Ruder ist, wird darin nicht verraten. Nur an Hand gewisser Reflexe, die die Schlager geben, kann man sie so ungefähr datieren: Einsprengsel wie everybody now oder oh-no-no-no deuten an, daß die Amerikaner unsere Brüder und Schwestern sind. Aber die wie eh und je etwas verwirrte Geographie der deutschen Schlagertexte läßt Rückschlüsse auf die Geschäftsentwicklung der Touropa keineswegs zu – Winter in Kanada ist nichts als ein Zufall, Jamaica, Hawaii und Tahiti sind nach wie vor als ferne Nahziele deutscher Träume ungeschlagen, wie auch der Seemann noch immer der Mann der Männer ist. Abschied vom Meer, von Wolken, von Sternen, von Winden in weltweiten Fernen, Abschied von Männern, von Masten und vom Glück, von der Seefahrt, ein schwerer Augenblick – daran sind nicht die Boeings schuld, das wird auch in zwanzig Jahren noch gesummt werden.

Schlager sind sauber, in ihnen haben alle Bräute Schleier. Und sie.sagen, wie das zu erreichen ist: Am Abend muß ich schlafen gehn, wäre ich auch gern bei dir, lad mich gern zum Tanzen ein, doch denke daran, um zehn muß ich leider nach Haus; wenn dir das den Spaß verdirbt, dann such dir deine Freundin doch anderswo aus. Wenn es gelegentlich heißt nicht jeder Traum wird Wirklichkeit, so ist das so bitter, wie es klingt, nicht gemeint. Wenn Schlagergeschichte wirklich Sozialgeschichte wäre, so wären wir ein Volk von lammfrommen Tugendbolden, friedlichen Träumern und Jungfrauen; nirgendwo auf der Welt sind Schlagertexte so frei auch vom geringfügigsten Bezug auf irgend etwas, das außerhalb ihrer wäre, wie bei uns hüben und drüben. Auch daran wird sich nichts ändern. Uwe Nettelbeck