Noch die endlosen monotonen Gebetsgesänge der Mönche vom Lamakloster im Ohr, eilten wir zum Gewerkschaftshaus in Ulan Bator, wo mongolische Ringkämpfe stattfinden sollten. Aus dem alten Viertel der Jurtenbehausungen strömten ebenso wie aus den neuen, weiß leuchtenden Wohnblocks die Menschen herbei.

Über breite Straßen in enge Gassen einbiegend, kamen wir endlich ans Ziel. Die Sonne lag hell über der weiten Hauptstadt, wo sie uns nicht erreichte, spürten wir empfindlich die trockene Kälte. Es war 12 Uhr mittags an einem Sonntag. Das Leben ging hier seinen gewohnten Gang. Am Eingangstor stand eine große Tafel mit den Photos der besten Ringer. Im Saal wärmte die Anteilnahme der dicht gedrängt hockenden Besucher beim mongolischen Nationalsport, einer Art Ringkampf, wie er sonst nirgendwo in der Welt anzutreffen ist. „Volkstümlicher als Ringen kann bei uns kein anderer Sport werden“, sagte der Vertreter des Ministeriums für „Körperkultur“. „Das neue schöne Stadion ist im Sommer nur gefüllt, wenn Ringkämpfe stattfinden. Leichtathletik gibt es kaum. Wir hatten einen Ringer beim Freistilkämpfen in Tokio bei den Spielen. Unsere Radfahrer nehmen seit zwei Jahren an der Friedensfahrt WarschauBerlinPrag teil. Ein wenig Fußball wird gespielt. Aber stolz sind wir auf unseren Schachgroßmeister Üjtümen.“

Die Erinnerung an Judo, „catch as catch can“, wird in einem in der Sportwelt erfahrenen Zuschauer wach, wenn er den Ringkämpfen nach mongolischer Art zuschaut. Bald aber begreift er: In den Ebenen und Höhen dieses riesigen Landes, in Zentralasien, wo sich die Menschen in der Einsamkeit der Steppen und Berge verlieren, muß dieser Sport seine Heimat haben.

Auch Ganocir, der eine „Brigade“ von Vieh-, Pferde- und Schafzüchtern eines Staatsgutes 80 Kilometer von Ulan Bator entfernt in der Steppe leitet, hatte uns vom mongolischen Ringkampf erzählt. Wir sahen zwei seiner Buben in Stiefeln, mit ihren roten Halsbinden, vor dem runden Jurtezelt der Eltern miteinander raufen. „Sie üben sich schon im Ringkampf. Wer reitet, und das können sie schon von ihrem fünften Jahr an, muß diese Art der Verteidigung, des Angriffes beherrschen“, hatte er uns über den Dolmetscher sagen lassen, als wir bei Stutenmilch und gewaltigen Stücken Hammelbraten und seit langem vermißtem groben Brot am Tisch des gastfreundlichen Mannes saßen. „Schon unter unserem großen Dschingis-Khan übten die Mongolen diesen Sport aus. Er diente der Vorbereitung für den Krieg, für den Sieg. In der Schlacht war das in ihm erworbene Können mitentscheidend.“

Nach Fanfarenstößen aus seltsam geformten Elfenbeinhörnern stellten sich 28 Kämpfer: Gestiefelt in ganz kurzen, knapp sitzenden Höschen, aus denen die muskulösen Beine herausquollen, in ebenso kurzen, weite Teile von Brust und Schultern, Bauch und Rücken freilassenden Westen, die mit einer Schnur um die Hüften zusammengefaßt waren. Es begann mit dem traditionellen Schaukeltanz, der die Spannung anheizte. Zwei Schiedsrichter saßen an einem kleinen Tisch, dazu die erstaunlichen Figuren der Trainer, die gurrende Rufe ausstoßend an der Matte auf und ab wandelten, man sah, hörte und roch es. Hier übte ein Reitervolk eine besondere Art des Sports aus.

Als einer von den 28 schließlich nach einer Serie von Kämpfen, die zwei Stunden andauerten, als Sieger aus den nach dem „K.o.-System“ ausgetragenen Auseinandersetzungen hervorging und sich in zugleich stampfendem und schwebendem Siegestanz in rhythmischer Bewegung in alle vier Richtungen voranbewegte, hatte der Besucher das Eigentümliche dieses Ringkampfes verstanden.

Die Figurenfülle hätte man mit behutsam und doch schnell geführtem Pinsel aus farbenreicher Palette auf die Leinwand bannen müssen: Die prachtvollen Gestalten der Ringer selbst, ihre Trainer mit den spitzen Mongolenhüten und den braun leuchtenden langen, bei jeder Bewegung flatternden Röcken, die in den Hüften durch einen grellfarbenen Gürtel gerafft waren, ihre dunkelbraunen Gesichter, von Wind, Sonne, Schnee und Sand zusammengemeißelt und in Falten zerlegt, die Bärte über den Lippen und spitz vom Kinn her herunter stoßend, die Fülle der bunten Gestalten der Zuschauer in allen Farben der Kleidung, die Soldaten in ihrem dunklen Khaki mit roten Aufschlägen, die wenigen Frauen in diesem turbulenten Geviert.