Der größte deutsche Energiekonzern geht einen schweren Gang. Die Gelsenkirchner Bergwerks-AG hat nicht nur die branchenüblichen Ertragssorgen – sowohl bei der Kohle als auch im Ölgeschäft ist kein Silberstreif am Horizont zu sehen –, ein weit folgenschwereres Problem ist die Neuorientierung der Beziehungen zu dem amerikanischen Ölgiganten, Socony Mobil Oil, New York, in dessen „partnerschaftlicher“ Umarmung die GBAG zu ersticken droht. Aus dem Jahre 1951 datiert der Vertrag, der den Essener Konzern an die Rohöllieferungen der Amerikaner bindet. Er soll dem Vernehmen nach bis ins nächste Jahrtausend reichen. Auch die bisher vereinbarten Modifizierungen reichten nicht aus, um die seinerzeit bei Vertragsabschluß fixierten Einstandspreise für das Sccony-Rohöl auch nur annähernd auf das Weltmirktniveau herabzuschleusen. Schon zum zweitenmal ging jetzt ein Jahr zu Ende, das die Erwartungen des großen Ruhr-Zebras auf eine Lockerung der Socony-Schlinge nicht erfüllt hat.

Den bisher von Mobil Oil geforderten „Kaufpreis“ für eine Vertragsrevision konnte der Essener Konzern nicht erbringen: Die von den Amerikanern gewünschte maßgebliche Beteiligung an der Aral AG, die über das größte europäische Tankstellennetz verfügt und nicht zuletzt deswegen die begehrte Eintrittskarte für das kontinentale Geschäft ist, scheiterte an dem Widerstand der beiden anderen Aral-Partner, der Hibernia und der Wintershall AG, ohne deren Zustimmung die GBAG ihren Anteil nicht zugunsten eines Dritten halbieren darf.

Noch wird weiterverhandelt; wie es heißt, zur Zeit sogar mit absehbarem Erfolg! Gerade jetzt aber kommt eine neue Variante ins Spiel: der Staatsanwalt befaßt sich mit den Verstrickungen des größten deutschen Energiekonzerns. Angerufen von dem Darmstädter Profi-Aktionär Erich Nold ermittelt die Essener Staatsanwaltschaft, ob es zutrifft, daß die GBAG-Verwaltung – wie es in der Nold-Anzeige heißt – falsche Auskünfte gegeben hat. Vorstandsvorsitzender Hans Dütting – und ihm beipflichtend auch Aufsichtsratsvorsitzer Hans-Günther Sohl – hatte auf die Fragen von Aktionären betont, die Angaben eines „Spiegel“-Artikels, wonach der Essener Konzern seinem Vertragspartner Socony Rohölpreise zahlen müsse, die bis zu 15 Mark je Tonne über dem Weltmarktpreis lägen und demgemäß jährliche Mehrkosten von rund 60 Millionen Mark verursachten, seien „absolut falsch“. Der „Spiegel“ indessen blieb bei seiner Aussage und berief sich darauf, daß die strittigen Angaben sogar mit der GBAG-Verwaltung abgestimmt worden waren...

Im Konzernhauptquartier in der Essener Rosastraße wird dazu „bei dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen keine weitere Stellung genommen“. Den Eindruck jedoch, daß das GBAG-Dilemma in ein ganz akutes Stadium gekommen ist, kann auch die Tatsache nicht abschwächen, daß es sich „nur“ um eine der Nold-Anzeigen handelt, die allzu oft schon wie Seifenblasen geplatzt sind. Es spricht vieles dafür, daß es sich in Essen nicht um einen Noldschen Alleingang handelt. Nmn