Bis ein Uhr kletterten die Kurse, dann begannen sie zu purzeln. Genau zu diesem Zeitpunkt verbreitete sich am letzten Freitag in den westdeutschen Börsensälen die Nachricht, daß das Bundesanleihe-Konsortium entgegen allen Erwartungen nun doch die Auflegung einer Bundesanleihe über 250 Millionen Mark mit einem Zinssatz von sieben Prozent beschlossen habe.

Hoffnungsvoller Optimismus verwandelte sich in tiefe Niedergeschlagenheit: über die Unvernunft des Bundes,der den ohnehin zerrütteten Kapitalmarkt schon jetzt zur Ader läßt; über die Unvernunft der Bundesbank, die auf eine Anleihe drängt, deren Verkaufsbedingungen nicht mehr marktgerecht sind; und über die Unvernunft der im Konsortium vertretenen Banken, die einer neuen Anleihe zustimmten, obwohl die letzten, schon mehrere Wochen alten öffentlichen Anleihen noch immer zum großen Teil unverkauft in ihren Tresoren liegen.

Der Bundesfinanzminister braucht dieses Geld, seine Kassen sind leer. Aber Bundesbank und Konsortialbanken sind nicht für die Haushaltspolitik des Bundes verantwortlich. Die Kreditinstitute haben keinen Grund, ihr Geld dem Bund zur Verfügung zu stellen. Denn diese Anleihe, die vom 1. Februar an „verkauft“ werden soll, kann kaum auf Käufer rechnen. Trotz des Zins- und Kupontermins zum Jahreswechsel, der etwa 2,5 bis 3 Milliarden Mark brachte, liegt der Rentenmarkt weiter im argen. Angesichts der starken Nachfrage nach Kapital und des geringen Angebots waren die Mittel lange im voraus verplant.

Wenn der Bund dennoch ohne Rücksicht auf den Kapitalmarkt und die kreditsuchende Privatwirtschaft seine Anleihe durchdrückt, zeigt das deutlich die Klemme, in die sich die Regierung mit ihrer Ausgabenpolitik hineinmanövriert hat. Noch im Januar des vergangenen Jahres – der Januar bringt meist hohe Steuereinnahmeüberschüsse – hatte der Bund mehr als eine Milliarde Mark Bundesbank-Kassenkredite zurückgezahlt. In diesem Jahr aber besteht der Bund auf der Realisierung seiner Anleihepläne, obwohl der Kapitalmarkt weitgehend durch die Restriktionspolitik der Bundesbank trockengelegt ist. Und nicht nur das: die Bundesbank versucht mit allen Mitteln – von der Mindestreserve- bis zur Offenmarktpolitik –, die Liquidität der Banken zu beschneiden, so daß sich die Chancen der Unternehmen, einen Kredit zu erhalten, weiter verschlechtern werden.

Wie hoch dem Bundesfinanzminister das Wasser am Halse steht, zeigt auch, daß er seine Anleihe placieren wollte, obwohl seine Kreditmöglichkeiten bei der Bundesbank bei weitem nicht voll ausgenutzt sind. Offensichtlich muß Dahlgrün diese Kreditmöglichkeiten – mehr als eine Milliarde Mark kann er in Frankfurt noch pumpen – in seine Ausgabenkalkulation mit eingesetzt haben; sonst hätte er seine Anleihewünsche so lange zurückgestellt, bis der Markt in einer besseren Verfassung ist. Anders ist die Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Markt und gegenüber der privaten Wirtschaft kaum zu erklären.

Wolf gang Müller-Haeseler