Katharina von Kardorff-Oheimb: Politik und Lebensbeichte. Verlag Hopfer, Tübingen; 254 Seiten, kartoniert 14,50 DM, Leinen 19,50 DM.

Wer in außergewöhnlichen Zeiten lebt, wird. im hohen Alter nur schwer der Versuchung entgehen, die Fülle der Erlebnisse aufzuzeichnen, in der Hoffnung, auf diese Weise die Kontinuität zur nachfolgenden Epoche herzustellen. Dieses Vorhaben gelingt aber nur dann, wenn der Memoirenschreiber mehr erlebt hat als eben nur sich selbst, und ihm die Distanz gelingt. Die Verfasserin der vorliegenden Lebensbeichte, eine in der Weimarer Zeit weithin bekannte Politikerin, ist bedauerlicherweise ein Opfer ihres Temperamentes geworden, das einen Teil ihrer persönlichen Wirkung erklärt, aber ihre biographischen Perspektiven verschiebt, so daß nur Familienmitglieder oder nahe Freunde „Kathinka“ in diesen Zeilen wiederfinden werden.

Sie selbst rekapituliert summarisch: „Ich stehe ein für alles, was ich gesagt und getan habe. Ich bin nie Opportunistin gewesen. Ich habe den Opportunismus immer verachtet. Heute überschaue ich mein ganzes Leben, heute sehe ich klar. Ich war nicht nur politische Pädagogin, nicht nur vier Jahre lang Parlamentarierin und immer Politikerin großen Stils, ich war auch nicht nur Publizistin und Rednerin, sondern auch Mutter von sechs Kindern, nahe Freundin bedeutender Männer, die sich bei mir aussprachen und mit mir berieten. Ich hatte Leiterin eines meist zwölf- bis vierzehnköpfigen Haushaltes und ‚Dame der großen Gesellschaft‘ zu sein, war ferner Jagdherrin des 30 000 Morgen großen Goslarer Stadtforstes, Betriebsführerin von drei Fabriken und Verwalterin des mehrfachen Millionenvermögens – zu schweigen von meinem immer wachen, liebenden, heißen Herzen, das von leidenschaftlichem Schlag für Menschen und für die große Politik erfüllt war. ‚Germanys Lady Astor‘ nannte mich die englische Presse.“

Mit Kopfschütteln, wie diese Stelle, liest man das ganze Buch und staunt, wie diese vermutlich reizvolle Dame die Politik als Salonpolitik erlebte – und sich selbst als Mittelpunkt.

Hannsferdinand Döbler