Von Vitus Dröscher

Sie waren gut Freund miteinander: zwei Ratten, die Professor Roger Ulrich zusammen in einen Käfig gesperrt hatte. Sobald der ameririkanische Psychologe aber einem der beiden Tiere am Fuß einen Elektroschock versetzte, änderte sich das friedvolle Bild jäh. Unter dem Einfluß des Schmerzgefühls griff die Ratte ohne Zögern ihren Kumpan an. Je länger der Schmerz anhielt, desto wilder wurde der Kampf.

Aus diesem Resultat zieht der an der Western Michigan University lehrende Forscher einen interessanten Schluß: „Bei Tieren und wahrscheinlich auch beim Menschen ist das Aggressionsverhalten eine sofortige und natürliche Folgeerscheinung des Schmerzes.“ Konrad Lorenz’ Aggressionslehre läßt sich erweitern, wenn man sie ein wenig dahingehend variiert: Schmerz erniedrigt den Schwellenwert zum Auslösen des Angriffstriebes.

Der biologische Sinn dieser im geschilderten Experiment so absurd erscheinenden Reaktion liegt darin, ein attackiertes, also Schmerz verspürendes Tier so vehement wie möglich zur Verteidigung zu zwingen. Im allgemeinen resultiert also ein sinnvolles Verhalten daraus. Nur zeigt der Versuch, daß die inneren Antriebskräfte zwar biologisch deutbar sind, aber nicht logisch im Sinne der menschlichen Vernunft arbeiten.

Das wird immer dann offenbar, wenn der durch körperlichen oder seelischen Schmerz mobilisierten Gegenaggression das normale „Auspuffventil“ verstopft wird und sie konsequenterweise an anderer Stelle zum Durchbruch kommen muß.

Ein Huhn zum Beispiel, das von einem stärkeren Artgenossen „bestraft“, also gehackt worden ist, wagt nicht, die dadurch „automatisch“ hervorbrechende Aggression auf den stärkeren Rivalen zu entladen. Das würde ihm auch nicht gut bekommen. Deshalb sucht es sich schnurstracks ein schwächeres, wenn auch völlig unschuldiges Huhn, um sich an ihm abzureagieren, daß die Federn fliegen.

Dieser sogenannte „Radfahrereffekt“ ist im Gesellschaftsleben von Tier und Mensch gleichermaßen weit verbreitet und unabhängig von Vernunft und Moral im Wirkungsgefüge der Instinkte verankert.