Werner Stein wurde im April 1964 zum Senator für Wissenschaft und Kunst gewählt, nachdem sein Vorgänger Adolf Arndt resigniert erklärt hatte: „Dieses Amt ist unerfüllbar.“ Der Verfassungsrechtler und SPD-Bundespolitiker, der in Berlin zum Förderer der schönen Künste hatte werden wollen, war über der Schwierigkeit, eine Verwaltung aufzubauen, gescheitert.

Durch die Strahlkraft des kulturellen Lebens soll Berlin zwar als deutsche Hauptstadt bestätigt werden, alle Initiative darf sich aber nur „in politisch vertretbaren Formen“ äußern, eine Formel, die den Senator für Wissenschaft und Kunst zwingt, ständig Spitze zu tanzen und mühsam Balance zu halten zwischen künstlerisch wünschenswerten und politisch vertretbaren Aktionen,

In dieser Atmosphäre, die so sehr den politischen Spannungen, Schwankungen und Temperaturwechseln ausgesetzt ist, besticht die Erscheinung des Senators Stein durch ihr perfektes Understatement. Seine Gabe, gelassen zu bleiben, wenn andere reizbar werden, eher tiefzustapeln als hochzuspielen, dazu seine Vertrautheit mit der Berliner Politik – das alles prädestiniert ihn, scheint mir, dieses Amt dennoch zu erfüllen.

Er empfing mich in seinem Amtszimmer: schlank, mittelgroß, eine hohe Stirn über lebhaften Augen. Was er über sich selbst meinte sagen zu sollen, war ein bißchen wenig im Vergleich zu dem, was andere über ihn wissen.

Sein Name war mir schon als Schulkind vertraut: Auf jedem Geburtstagstisch lag ein Bändchen von „Steins Kulturfahrplan“, ein synoptisches Kompendium über „die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte von Anbeginn bis heute“.

Weihnachten 1945 war das erste erschienen, verlegt von seinem Onkel und Freund Walter Kahnert in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung. Stein war gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen und hatte sich, weil er „von Jugend an enzyklopädische Neigungen“ hatte und sich damit amüsierte, an die Zeit zwischen 1749 und 1900 gemacht. Heute verzieht er das Gesicht und betrachtet das Werk als „erfolgreiche Jugendsünde“.

Eigentlich ist Werner Stein Physiker. Er wurde 1913 als Sohn des Kommunalpolitikers Erwin Stein geboren und studierte von 1933 bis 1939 Physik, Mathematik, Chemie und Philosophie in Berlin, München und Frankfurt.