ORPHEUS IN DER UNTERWELT

Komische Oper von Jacques Offenbach

Ulmer Theater

Als Silvesterfolge sind die Theaterspielpläne im Januar noch von Operettenseligkeit durchtränkt. „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ist anscheinend endgültig zum „Klassiker“ des Jahreswechsels avanciert. Kein Theater ohne „Fledermaus“ – bald sind wir soweit. Freilich, der Franzose aus Köln, der doch die Wiener Walzer-Welt als Bühnengattung erst ermöglicht, ja, sie persönlich angeregt hat, Jacques Offenbach macht es den Bühnen heute nicht leicht: Die Libretti seiner Buffonerien müssen bearbeitet werden – so eng waren die Musiquettes mit Personen, Zuständen und Moden des zweiten französischen Kaiserreichs verhaftet. Offenbach hat aktuelle Zeitkritik in Musik gesetzt.

Bedenkt man, wie enttäuschend die meisten Modernisierungen oder Neutextierungen in der Theaterpraxis zu verlaufen pflegen, dann verdient eine Initiative des Ulmer Theaters vermerkt zu werden. Obwohl (oder gerade weil) man dort noch auf der Behelfsbühne einer Schulaula spielen muß, kam das erste abendfüllende Werk Offenbachs zu Ehren. Als „Orpheus in der Unterwelt“ 1858 in den Bouffes parisiens uraufgeführt wurde, dürften Raum und Bühnentechnik des Theaterdirektors Offenbach nicht viel üppiger gewesen sein als heute in Ulm.

Den neuralgischen Punkt, das textliche Bearbeitungsproblem, konnte man dank eines Fundes umgehen. Der junge Gastregisseur Ernst Pichler hatte in der Wiener Nationalbibliothek jene Bearbeitung ans Licht gezogen, die Johann Nestroy für sich und die Wiener Erstaufführung des „Orpheus“ (1860) hergestellt hat. In dieser dann verschollenen Fassung spielte Nestroy selber im Carl-Theater den Jupiter, der sich für ein Stelldichein mit Eurydike in der Unterwelt in eine Fliege verwandelt.

Aus dem Dialog und manchen Couplets spürt man Sprachklang und Mentalität des Dichters Nestroy. Mag die Anverwandlung der pariserischen Operette ins Wienerische leider nicht ganz so konsequent und weitgehend durchgeführt sein, daß neben dem Originallibrettisten Hector Cremieux nun Nestroy als Mitautor gelten dürfte, trotzdem ist „Orpheus in der Unterwelt“ in dieser auf allgemein-menschliche Schwächen zielenden, ein wenig verwienerten Travestie des antiken Mythos auch heute durchaus spielbar. Ohne daß große Bühnentechnik in Szene gesetzt werden müßte, auch ohne die spätere Auffüllung zur Komischen Oper durch den Komponisten, lebt die ursprüngliche „Offenbachiade“ begeisternd, elektrisierend von dem, was unverwelkt geblieben ist: von Offenbachs Musik.