Über 3000 Meilen mußte Lal Bahadur Shastri fliegen, um von Neu-Delhi zur Gipfelkonferenz in Taschkent zu gelangen. Der um zwei Drittel kürzere direkte Weg über Kaschmir und Pakistan war ihm versperrt, da sich Indien noch mit Pakistan im Kriegszustand befand.

Acht Tage später war diese Vorsicht überflüssig geworden. Der Erfolg der sowjetischen Friedensvermittlung, aber auch der Tod hatten den Weg freigemacht. Mit Erlaubnis des pakistanischen Staatspräsidenten Ajub Khan durfte die sowjetische Sondermaschine, die den Leichnam Shastris in seine Heimat überführte, pakistanisches Gebiet überfliegen.

Millionen Inder waren zum Empfang des Heimkehrers zusammengeströmt: trauernd um den zierlichen, unscheinbaren Mann, der wenige Stunden vor dem tödlichen Herzinfarkt seiner Nation sein größtes Geschenk vermacht hatte: den Frieden mit Pakistan. Nie hatte ihn das Volk nötiger denn jetzt, wo es von der schlimmsten Hungersnot des Jahrhunderts und von einer neuen chinesischen Offensive bedroht wird.

Freilich, die „Erklärung von Taschkent“ ist nur der erste Schritt auf einem langen, mühseligen Weg, der „Beginn eines Dialogs“, aber niemand hatte erwartet, daß Indien und Pakistan nach achtzehnjähriger Feindschaft das Kaschmir-Problem in einer Woche aus der Welt schaffen könnten.

Beide Länder haben feierlich gelobt, ihre Streitigkeiten fortan im Geiste der UN-Charta nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern am Verhandlungstisch auszutragen. Der Propagandakrieg im Aether wurde sofort eingeteilt.

Bis zum 25. Februar sollen die Streitkräfte hinter die Grenzen vom 5. August 1965 zurückgezogen werden. Allerdings muß sich erst noch zeigen, ob sich auch die „Freiwilligen“, die aus dem pakistanischen Teil Kaschmirs in den indisch verwalteten Teil eingedrungen waren, daran halten.

Mehrmals drohte die Konferenz zu platzen, da sich Inder und Pakistani weder auf eine Tagesordnung noch auf eine gemeinsame Erklärung einigen konnten. Immer wieder kg der Zankapfel Kaschmir im Wege. Shastri wollte darüber überhaupt nicht diskutieren, Ajub Khan aber unbedingt darüber reden.