Von Petra Kipphoff

Die Zeiten, da aus Schwabing Schwabing wurde, nämlich aus dem „nördlichsten Stadtteil“ ein „geistiger Zustand“, da in der Ainmillerstraße das erste abstrakte Bild entstand (wenn man der Überlieferung Glauben schenken darf), die Zeiten, da Maler in der bayerischen Metropole allein oder in Gruppen anfingen, sich auf ihren Weltruhm vorzubereiten – diese Zeiten sind für München vorbei; sie haben, durch zwei Kriege gründlich gestoppt, keine wie auch immer geartete Fortsetzung gefunden.

Aber wenn auch kein „Blauer Reiter“ mehr aus der Taufe zu heben ist wie 1911 im Arco-Palais: das, was sich zwischen Schwabing und Stachus, von der Miniaturgalerie Arion bis zur Galerie Günther Franke, von van de Loo bis Gurlitt dem Betrachter zeigt, ist immer noch ein bißchen weiter gefächert als das, was deutsche Galerien anderswo zu bieten haben, ist immer ein bißchen voraus.

Gewiß, in anderen Städten, wo das Pflaster nicht so geeignet ist für originellen Eigensinn und private Risiken, bemühen sich staatliche Galerien und Kunstvereine um ausgleichende Aktivität. Aber auch hier braucht München keine Konkurrenz zu scheuen. Die vielleicht schönste Ausstellung des letzten Jahres, die „Fünf Jahrhunderte Europäische Graphik“, strahlender Triumph einer kleinformatigen und sich bürgerlich gebärdenden Kunst, sie war im „Haus der Kunst“ in München (und ist jetzt in Amsterdam) zu sehen.

„Die vom Geiste aus der Vorratskammer der Materie herausgerissenen Verkörperungsformen lassen sich leicht zwischen zwei Pole ordnen“, schrieb Wassily Kandinsky 1912 in jenem im Schwabinger Kreis verfaßten Kunstalmanach „Der Blaue Reiter“, dessen Name dann zum Etikett für eine ganze Künstlergruppe wurde.

„Diese Pole“, fährt Kandinsky fort, „sind: 1. die große Abstraktion, 2. die große Realistik.“ So unbarmherzig kategorisierte Kandinsky zu einer Zeit, da er selber durchaus noch von der Frage gequält wurde, was denn den Gegenstand ersetzen sollte, und da Grandma Moses noch Apfelkuchen verfertigte und keine Bilder.

Die Summe eines Gangs durch Münchner Galerien zum Jahreswechsel gibt Kandinskys Alternative eine seltsame Aktualität: Nachdem jahrelang „die große Abstraktion“ und nichts als die Abstraktion im Gefolge Kandinskys, des Malers, das Feld beherrschte, scheint jetzt die Zeit der „großen Realistik“ angebrochen, jener Alternativlösung, die Kandinsky, der Theoretiker, damals als den einzig möglichen Gegenpol zu sich und seinem Mitstreiter Delaunay sah. In der ersten Blauen-Reiter-Schau der 43 Bilder stellte Kandinsky jenen Maler aus, der als der naive Realist par excellence gilt, der Vater aller sich jetzt so erfolgreich tummelnden Sonntagsmaler: Henri Rousseau, den französischen Zöllner.