Im New Yorker Bellevue Hospital liegt seit Anfang des Jahres ein schwerkranker Mann. Um ihn bemüht sich ein halbes Dutzend Ärzte. Das Aufgebot von Detektiven, das ihn bewacht, ist noch größer. Der Patient scheint den Ärzten weniger Sorgen zu bereiten als der Polizei, die aus Sicherheitsgründen darauf drängte, daß ihr Schützling vom ersten in den fünften Stock verlegt wurde: Michael J. Quill, derzeit meistgehaßter Mann New Yorks.

Es entspricht wahrhaftig nicht der amerikanischen Mentalität, einem Schwerkranken nach dem Leben zu trachten. Selbst in den Jahren des Wilden Westens durfte sich ein Verwundeter vor den Revolvern seiner Verfolger sicher fühlen. Michael Quill aber kann selbst unter seinem Sauerstoffzelt nicht auf das Mitleid der New Yorker rechnen. Zwar mögen es nur ein paar Narren sein, die ihm mit Bombenanschlägen gedroht haben; aber dies ist bezeichnend für den Haß, den sich dieser Mann zugezogen hat.

Quill hat es verstanden, acht Millionen Menschen gegen sich aufzubringen. Acht Millionen minus 33 000 muß man gerechterweise sagen, wenn man an die Arbeiter der städtischen Verkehrsbetriebe denkt, die dem Streikaufruf Quills bereitwillig gefolgt sind und damit das Transportsystem dieser Weltstadt lahmgelegt haben. Der Zorn der New Yorker aber richtet sich nicht so sehr gegen die Transportarbeitergewerkschaft als vielmehr gegen deren Boß, der in der Tat von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß dieser Streik sein Streik sei, seine persönliche Angelegenheit. Als ob er es nicht abwarten konnte, seine Macht unter Beweis zu stellen, brach Quill die Verhandlungen über einen neuen Tarif für seine Leute bereits fünf Stunden vor Ablauf des alten Vertrages ab und schickte 6820 U-Bahn-Wagen ins Depot.

Man mag bezweifeln, ob sich Quill darüber im klaren war, wie nahe er New York City damit an den Rand des Chaos bringen würde. Kein Zweifel aber kann daran bestehen, daß Quill sich der Gesetzwidrigkeit bewußt war. Schließlich hatte ihn das höchste Gericht des Staates New York schriftlich wissen lassen, daß ihm und seinen Vasallen eine Gefängnisstrafe drohen würde, die mit Streikbeginn dann auch prompt über ihn verhängt wurde. Aber darauf schien Quill nur gewartet zu haben. Nichts kennzeichnet seinen Zynismus gegenüber dem Gesetz mehr als der höhnische Ausspruch, mit dem er das Gerichtsurteil quittierte: „Der Richter kann meinetwegen in seiner schwarzen Robe tot umfallen“ – und er fügte hinzu, daß er eher in seiner Zelle verfaulen wolle, als daß er den Streik abblasen werde.

Die Gelegenheit, in seiner Zelle zu verfaulen, erhielt Quill freilich nicht. Nach knapp zwei Stunden Haft brach er zusammen und wurde bewußtlos aus dem Gefängnis herausgetragen. Auf ein Haar wäre er das erste Opfer seines eigenen Streiks geworden. Quill kann von Glück sagen, daß der Krankenwagen rasch genug durch das Verkehrsgewühl zum Bellevue Hospital durchkam, wo er unter ein Sauerstoffzelt gelegt wurde. Zur Stunde sind sich die Ärzte über die Diagnose noch nicht einig. So kam der Verdacht auf, Quill habe seinen Herzanfall nur simuliert.

Tatsächlich aber ist Quill ein schwerkranker Mann, um dessen Zustand man sich bereits seit langer Zeit ernsthafte Sorgen machte. Für seinen Zusammenbruch im Gefängnis dürften die Psychologen eher eine Erklärung finden als die Herzspezialisten. Ein Mann von dem Geltungsbedürfnis eines Quill, der seit Tagen im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, der ständig von einem Heer von Reportern umlagert war und der es auskostete, auf Millionen Fernsehschirmen zu erscheinen, fand sich plötzlich in einer einsamen Gefängniszelle wieder – ohne Mikrophone, ohne Kameras. Diesem Wechselbad wäre wahrscheinlich selbst ein gesunder Quill nicht gewachsen gewesen.

„Wenn man mich einlocht, werde ich als erstes darangehen, die Kampfmoral der Gefangenen zu heben“, antwortete Quill auf die Frage eines Reporters, wie er auf eine Haftstrafe reagieren würde. Besser hätte sich dieser Mann, der von der Vorstellung des Lohnkampfes geradezu besessen ist, kaum charakterisieren können. Es wäre ihm wohl zuzutrauen, daß er binnen kurzem eine Gewerkschaft der Gefängniswächter gegründet und für sie Lohnforderungen durchgesetzt hatte – und sei es mit der Drohung der Freilassung sämtlicher Gefangener.